Schon wieder: Die unbändige Elbe

Noch waren die Erinnerungen an die große Flut 2002 nicht verblasst, da stieg das Wasser der Elbe in diesem Jahr wieder bedrohlich an. Die Angst bei den Anwohnern war groß – Eindrücke, Berichte und Schlussfolgerungen nach dem Frühjahrshochwasser 2006

Die „Festung Gare de la lune“ in Wachwitz. Foto: Jürgen Frohse

Die „Festung Gare de la lune“ in Wachwitz.
Foto: Jürgen Frohse

Wenn das Wasser der Elbe steigt, verändert sich der Rhythmus der Bewoh­ner am Fluss. Nervosität, Aufregung und Angst nehmen Besitz von den Menschen. Sie müssen sich einer Naturgewalt stellen, die leise kommt und in jede private Ecke zu dringen versucht. Lethargisch begegnen die einen, pragmatisch die anderen dem Unheil. Es wird geräumt und gebaut, es gibt Erfolge und Niederlagen, während manche zu entfliehen suchen.

Das Frühjahrshochwasser 2006 war eine Art Generalprobe für die Anwohner, die betroffenen Firmen und Gaststätten, aber auch für Behörden und Einsatzkräfte: Waren die Aktivitäten der letzten knapp vier Jahre nach der großen Flut 2002 ausreichend und wo gibt es Lücken im Hochwasserschutz? Das Wasser stieg langsamer, blieb zwei Meter unter dem „Jahrtausend-Hochwasser“ und mit den relativ genauen Vorhersagen hatte man Zeit, sich vorzubereiten. Ein Hochwasser von 7,50 Meter sollte eine Stadt wie Dresden mit ihren weiten Fluss­auen abfangen können. Und doch waren Ortschaften wie Zschieren oder Gohlis wieder schwer betroffen, wo Platz für Deiche vorhanden wäre.

Mitten im Wasser, aber mit trockenen Wohnungen – die „Schanze“ in Hos­terwitz. Foto: Jürgen Frohse

Mitten im Wasser, aber mit trockenen Wohnungen – die „Schanze“ in Hos­terwitz.
Foto: Jürgen Frohse

Die östliche, rechte Flussseite mit dem Elbhang war kein Schwerpunkt des Dresdner Katastrophen-Stabes. Und doch gab es auch hier viele Probleme. In den ersten Tagen des Hochwassers war völlig unklar, wo Sandsäcke zu bekommen waren. Das Bürgertelefon der Stadt war meist nur mit Anrufbeantworter besetzt und andere städtische Ämter konnten keine Auskunft geben. Bekam man über viele Umwege Informationen zu Stützpunkten, so war es schwierig, dorthin zu gelangen, da frühzeitig das Blaue Wunder gesperrt war. Bei höheren Pegelständen wäre die Situation im Ortsamt Loschwitz wohl noch viel dramatischer und chaotischer als 2002 geworden. Die verbliebenen wenigen Mitarbeiter im Ortsamt Loschwitz hätten einen Katastrophen-Stütz­punkt, 2002 eine wichtige Adresse, nicht besetzen können.

Wenige Zentimeter Wasser im Fußboden reichen, um Fertigteilhäuser zu bedrohen. Foto: Jürgen Frohse

Wenige Zentimeter Wasser im Fußboden reichen, um Fertigteilhäuser zu bedrohen.
Foto: Jürgen Frohse

Schwer kämpfen mussten die Bewohner der Häuser in Ufernähe. Dort, wo 2002 das Wasser auch in der ersten Etage stand, war diesmal das Erdgeschoss bedroht und viele Keller liefen voll. Kann bei wenigen Häusern das Wasser ins Erdgeschoss kommen und gehen, auch wenn es mit Angst, Ärger und viel Arbeit verbunden ist, so wird bei den meisten die Bausubstanz bedroht. An Gebäuden, vor allem in Loschwitz, aber auch in Wachwitz, Niederpoyritz, Hosterwitz und Pillnitz entstand wieder Schaden. So auch bei einigen Fertigteilhäusern, die ins Überschwemmungsgebiet gebaut wurden. Wenige Zentimeter Wasser im Fußboden reichten, um die Konstruktionen zu gefährden. Bei vielen anderen Gebäuden konnte das Wasser aber zum Glück, oftmals mit großem Einsatz, abgehalten werden. So „schwamm“ die historische, ehemalige Gaststätte „Zur Schanze“ in Hosterwitz wie eine Insel mitten im Hochwasser. Mit großer Anstrengung konnte das Haus vor eindringendem Wasser bewahrt werden.

Aquarium Elbe – an die Fenster des Körnergartens drückte der Fluss. Foto: Jürgen Frohse

Aquarium Elbe – an die Fenster des Körnergartens drückte der Fluss.
Foto: Jürgen Frohse

Die Gaststätten, die auch von der Nähe zum Fluss leben, waren wesentlich besser vorbereitet als noch 2002. Der „Körnergarten“ hatte Schutzmaßnahmen, Mauern und Schotte bis zu einer Höhe von sieben Metern getroffen. Mit Sandsäcken, vielen Pumpen, Hilfe durch Anwohner und THW konnte man den Fluss auch bei 7,49 Meter zurückhalten. Den erfolgreichen und aus eigener Kraft bestrittenen Kampf der beiden Blasewitzer Gaststätten „Schillergarten“ und „Villa Marie“ verfolgten viele „Zaun­gäste“ vom Blauen Wunder. Im „Gare de la lune“ in Wachwitz droh­te das Wasser in die Gaststättenräume im Souterrain zu dringen. Viele halfen, einen Wall aus Paletten und Sandsäcken zu errichten. Beeindruckend war die Situation an der „Elbterrasse Wachwitz“. Die Eigentümer hatten nach dem letzten Hochwasser den gesamten Kellerbereich in eine Wanne gebaut, eine Pumpe installiert sowie Schotte um das Haus anfertigen lassen. Jeden Tag konnte das Haus seine Gäste empfangen, nicht mal im Keller stand Wasser. In der „Erbgerichtsklause“ in Niederpoyritz war das Wasser wieder in die Sanitäranlagen im Keller gedrungen. Ein für die „Schloss-Schänke“ in Pillnitz installiertes Schutzwand-System hatte schließ­lich prophylaktische Bedeutung, da bis dorthin (Gästeterrasse) das Wasser nicht kam. Mit zehn starken Pumpen musste allerdings Wasser vom Hotel fern gehalten werden, welches sich unterirdisch durch einen Kanal rückstaute. Ein Sandsackwall am „Elbblick“ in Pillnitz konnte die Elbe von den unteren Räumen um den Weinkeller zurück­halten.

Das Schottsystem des Pillnitzer Schlosses – hier Schott am Durchgang zur Elbe – hielt am Fliederhof das Wasser von den Erdgeschossräumen zurück. Foto: Dieter Fischer

Das Schottsystem des Pillnitzer Schlosses – hier Schott am Durchgang zur Elbe – hielt am Fliederhof das Wasser von den Erdgeschossräumen zurück.
Foto: Dieter Fischer

Am Schloss Pillnitz stieg die Elbe über die Freitreppe – aus dem Wasser schauten schließlich nur noch die zwei Brüstungs-Sphinxe – und nahm den Fliederhof ein. Bootskeller, Schlossküche sowie die Geschäfte, Werkstätten und das Ortsvereins-Zimmer am Fliederhof waren geräumt worden. Das eingebaute Schottsystem bewährte sich als wichtiger Schutz. Evakuiert werden musste das Seniorenheim An der Maillebahn 2. Das Haus blieb aber einschließlich der gerade fertig sanierten Altbau-Villa vom Elbwasser verschont. Auch die Kirche „Maria am Wasser“ blieb diesmal trocken ­­­– die Elbe kam nicht über die Kirchhofmauer.

Schwer traf es einige Sport- und Reitvereine an der Elbe. Der „Wassersportverein am Blauen Wunder“  hatte nach der großen Flut alles neu hergerichtet, nun stand das Wasser wieder einen Meter im Haus. Am Sportverein der Verkehrsbetriebe war das Wasser in das alte Vereinshaus, die Toilettenanlagen und Schuppen gedrungen, aber noch größerer Ärger richtete sich gegen den benachbarten Pferdehof, dessen loses Treibgut vieles zerstörte. Vorgesorgt hatte der Segelverein Loschwitz. Das nach der Flut 2002 erbaute Vereinshaus steht sicher auf Stelzen.

War wieder nicht zu schützen – Gebäude des Wassersportvereins „Am Blauen Wunder“. Foto: Jürgen Frohse

War wieder nicht zu schützen – Gebäude des Wassersportvereins „Am Blauen Wunder“.
Foto: Jürgen Frohse

Nicht zu schützen waren die vielen Kleingartenanlagen mit ihren Bungalows an der Elbe. Hier wartet unglaublich viel Arbeit, die Schlammwüsten in blühende Gärten zu verwandeln. Die Elbe stieg 2006 höher, als jedes Hochwasser in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und war doch keine Katastrophe wie die Flut 2002. Es waren am Elbhang nicht 180 Häuser betroffen, sondern nur etwa 20, in denen das Wasser in den Erdgeschossen (Keller ausgenommen) stand. Die meisten direkten Elbanlieger kamen wohl mit einem blauen Auge davon und die wiederum betroffenen Anwohner und Geschäftsleute werden sich in den nächsten Wochen ernsthaft Gedanken machen, sich selber zu schützen. Weitere Dämme wird es am rechten, östlichen Elbufer nicht geben.

Für Dresden wird es wichtig werden, die Flussauen von Anlandungen zu befreien, die Flutrinnen freizuhalten und vor den Toren der Stadt Überschwemmungsgebiete zu schaffen. Verbessern am Oberlauf die Tschechen ihre Deiche, wird es uns bald so gehen, wie in diesem Jahr den Städten und Dörfern der unteren Elbe. Waren in Dresden die Pegelstände zwei Meter niedriger, so waren sie in Mecklenburg und Niedersachsen 40 Zentimeter höher als 2002.

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