Der Langenauer Weg in Bühlau – ein lebendiges Biogramm

Von den etwa 12 000 Kilometer Straßen in Dresden ist der Langenauer Weg mit einer Länge von 323 Metern einer der unbedeutendsten Verkehrswege der Stadt.

Auch unter den 272 Straßen im Ortsamtsbereich Loschwitz gibt es mit Sicherheit welche, die allein durch ihr äußeres Erscheinungsbild mehr Aufmerksamkeit bekommen. Flüchtig betrachtet markiert ihn weder ein auffälliger Name, noch sind seine Topografie, die Trassierung oder die straßenbegleitende Bebauung wesentlich anders als bei zahllosen vergleichbaren anderen Wohnstraßen.

Es bedarf deshalb schon einiger Sensibilität, um in dieser äußeren Banalität eine lebendige Straße zu erkennen. Die folgenden Betrachtungen können als Gedankenträger dienen. Sie sollen zeigen, dass die jeweils aktuelle politische Situation in relativ enger Wechselbeziehung zur Lebensbasis, nämlich dem Zufriedensheitsort unseres eigenen Wohnens, stehen.

Beginn und Namensgebung

Eine natürlich-fröhliche Kindergeneration vom Langenauer Weg. Foto: Archiv Neupert

Eine natürlich-fröhliche Kindergeneration vom Langenauer Weg.
Foto: Archiv Neupert

Die Besiedlung, der bis dahin ausschließlich landwirtschaftlich genutzten Fläche südlich des Taubenberges in unmittelbarer Nähe des alten Ortsteiles Quohren, erforderte die Anlage neuer Straßen. Es waren zunächst notwendige Baustraßen, die planmäßig zu Wohnstraßen erweitert wurden. Eine der bis dahin namenlosen Straßen wurde aktenkundig am 1. November 1933 Langenauer Weg genannt. Schon durch ihre Namen werden Straßen ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Sie bekunden z. B. Wertschätzung oder Ehrung historischer Persönlichkeiten, tragen neutrale Flurnamen oder sind durch ausgewählte Ortsnamen Anzeiger gegenwärtiger politischer Situationen. Der Langenauer Weg gehört zur letztgenannten Kategorie.

Zur Zeit der Namensfindung gab es im damaligen deutschen Reichsgebiet dreizehn namensgleiche Orte Langenau. Die Häufigkeit erklärt sich aus der Geländebeschreibung des Siedlungsraumes: einer langen Au. Bevor man Wasser fördern konnte, war man auf den unmittelbaren Lebensraum entlang von Bächen und Flüssen angewiesen. Man lebte aus Notwendigkeit mit den Wasserläufen, nutzte die Versorgungssicherheit mit Trink- und Brauchwasser und die nährenden Überschwemmungen. Die einfache Wohnbebauung war den zuweilen erhöhten Wasserständen angepasst.

Die zeitgleiche Benennung von Langenauer Weg und benachbarter Neudecker Straße lässt mit Sicherheit erklären, welcher der möglichen Orte namensgebend war. Langenau (heute Leganow) und Neudeck (heute Kisliece) gehörten zum Verwaltungsbezirk Deutsch-Eylau (heute Ilawa) im ehemaligen Ostpreußen. Ihre erste urkundliche Erwähnung liegt vor 1315. Künstlich angelegte Hügel, die mit Schloss und Herrensitz bebaut wurden, weisen auf spätere Besiedlung in preußischer Zeit. Das Heimatbuch der beiden Orte beschreibt sinngemäß: Das Gut Neudeck war im Besitz der Familie von Beneckendorff und von Hindenburg. Durch Heirat wurde der Besitz mit Gut Langenau verbunden. Der Gutsherr war zugleich Bürgermeister. 1920 wurden die Güter in Staatsdomänen überführt und die Ländereien zur allgemeinen Besiedlung freigegeben.

Im Jahre 1927, aus Anlass des 80. Geburtstages und in Würdigung seiner Verdienste, bekam Paul von Hindenburg diese Güter geschenkt. Sein Leben endete 1934 in Neudeck. Die Kirche in Langenau trägt neben einer erklärenden Tafel das Familienwappen. Im Januar 1945 schickte man die etwa 650 deutschen Einwohner des Ortes Langenau in eine ungewisse Zukunft und das Dorf wurde polnisch besiedelt. Die Heimatschrift bedauert: „So sauber wie früher sieht es jetzt nicht mehr aus.”

Straßenanlage und Erstbebauung

Der Langenauer Weg wurde ausschließlich als Wohn- und Zubringerstraße angelegt. Die Anwohner der Reitzendorfer Straße und des Weißiger Weges waren im Siedlerbund organisiert und halfen aktiv beim Ausbau.
Martin Walser beschreibt in seinem Roman „Die Verteidigung der Kindheit” den damals aktuellen Nachkriegs-Zustand: „Der Langenauer Weg gehört zwar noch zu Dresden-Bühlau, aber die paar Häuser, die da längs auf freiem Feld zusammenstehen, liegen weit ab von der Stadt, sind erlebbar schon eher wie Gönnsdorf, Cunnersdorf, deutlich Dorf eben.”

Auch im Bauen spiegeln sich aktuelle gesellschaftliche Verhältnisse und so dokumentieren Erstgebäude an diesem kurzen Verkehrsweg noch bürgerliche Wohngedanken. Häuser und Gärten sind funktionsgetrennt und die Wohnflächen orientieren sich am herkömmlichen Zimmergrundriss. Aus der einstigen eitlen Vorgartenbepflanzung erfreuen uns bis heute besondere Gehölze wie Magnolie, Japanische Kirsche und bewusst gepflegte Forsythiahecken.

In Haus Nr. 10 etablierte sich ein kleines Geschäft für „Waren des täglichen Bedarfes” der Anwohner. Daraus erklären sich der Zuschnitt dieses Grundstückes, der Zugang auch vom Hornweg ermöglicht, die gebrochene Bauflucht zu benachbarten Gebäuden und die unregelmäßige Fassade des Hauses. In Haus Nr. 11, heute Familie Funke, gab es eine Kohlenhandlung. Von hier aus wurde festes Brennmaterial mit Körperkraft und Tafelwagen auf die nahegelegenen Häuser verteilt.

Auffällig ist, dass man die Hausnummer 13 wohl aus Aberglauben gänzlich aussparte. Einige Grundstücke bleiben anfangs unbebaut, aber nicht ungenutzt.

Die Häuser des Langenauer Weges 1937. Foto: Familie Schmidt

Die Häuser des Langenauer Weges 1937.
Foto: Familie Schmidt

Entwicklung von 1945 bis 1989

Es bedurfte des Faktors Zeit, bis sich nach dem Krieg auch hier am Stadtrand wieder normales Leben entfaltete. Die Spuren der Kriegsjahre markierten sich noch lange mit z. B. flüchtig, aber deutlich geschriebenen Buchstaben „LSR” am sicheren Keller des Hauses Nr. 21, heute Familie Mildner. Auffällig viele Anwohner wechselten in den 50er Jahren ihren Wohnsitz und versuchten den Neubeginn im westlichen Deutschland. Der Volksmund nannte den Langenauer Weg deshalb „Adenauerweg”. Leerstehende Häuser fanden neue Eigentümer und, wie wir mit Abstand wissen, die neuen Eigentümer eine Heimat.

Die Betreiber von Kolonialwarengeschäft und Kohlenhandlung beendeten in den 50er Jahren ihre Aktivitäten und gaben aus Altersgründen ihr Geschäft auf. Offiziell wollte man Geschichte verwischen und benannte viele Straßen 1967 auch im Raum Bühlau um, deren bisherige Namen an den Besitz in ehemaligen deutschen Ostgebieten erinnerten. Langenauer Weg und Neudecker Straße blieben von dieser Aktion unberührt, weil es namensgleiche Orte auch im nahen sächsischen Siedlungsraum gab.

Das Grundstück, heute mit Haus 1a/b bebaut, wurde von Familie Gattermann ab etwa 1955 gärtnerisch genutzt. Frauen der Wohnumgebung fanden hier Saisonarbeit und gleichzeitig soziale Anbindung. Der Pflanzenversand des Gärtnereibetriebes, der auf Tränendes Herz (Dicentra spectabilis) spezialisiert war, ging weit über die Grenzen von Sachsen hinaus. Vorhandene Bausubstanz und Straßenzustand verharrten in dieser Zeit. An den Feiertagen der DDR bekannten Viele aus Notwendigkeit oder Überzeugung ihre Systemzugehörigkeit durch reichlich Fahnenschmuck an ihren Häusern.

1981 addierte sich das Doppelhaus 1a/b zur vorhandenen Bebauung und von 1985 bis 1989 entstand das Doppelhaus 4a/b. Die für heutige Begriffe letztgenannte lange Bauzeit war damals eine hohe persönliche Leistung der Bauwilligen.

Ehemalige Anwohner der Reitzendorfer Straße bauen in Selbsthilfe am Langenauer Weg, im Hintergrund Haus Quohrener Straße 81. Foto: Archiv Neupert

Ehemalige Anwohner der Reitzendorfer Straße bauen in Selbsthilfe am Langenauer Weg, im Hintergrund Haus Quohrener Straße 81.
Foto: Archiv Neupert

Nach 1989

Leben ist ein dynamischer Prozess und das Bekenntnis zum selbstbestimmten Wohnen im eigenen Haus nicht nur eine Frage der Unterkunft. Auch nach der politischen Wende wird der Langenauer Weg durch Neubauten ergänzt, aber nicht überformt. Einige ausschließlich der Erholung dienende Grundstücke beruhigen die Straße noch wohltuend. Leerstände gilt es mit Bedacht zu belegen. Zuzüge bereichern mit frischen Lebens- und Gestaltungsideen. Die Häuser wandeln ihr Innenleben von Zimmer- zu Bedürfnisgrundrissen und öffnen sich zunehmend zum aktiven Lebensraum des Gartens.

Die Außenflächen gehen zum Teil zaunlos zum Nachbarn über. Der Nachbarschaftsklatsch findet auf hohem Niveau statt. Man glaubt wieder an Gespräch und Begegnung, Gefälligkeit und Nachbarschaftshilfe und lebt in natürlicher Verantwortungsbeziehung. Jedes Jahr verbindet ein ursprünglich von Marianne und Peter Rauch initiiertes Straßenfest das, was der Alltag allzu flüchtig überlebt. Die Kinder wachsen mit Selbstverständnis in dieses Gefüge. Gegensätzliches, Parkdisziplin und Fahrgeschwindigkeit des erweiterten Autoverkehrs müssen sich zukünftig in der Verantwortung jedes Einzelnen allgemeine Balance halten.

Durch beharrliches Bürgerbegehren zeichnet sich für den unbefriedigten Einmündungsbereich des Langenauer Weges in die Quohrener Straße eine Lösung ab. Es ist nur eine banale Straße am Stadtrand, die hier in ihrer Entwicklung beschrieben wurde. Aber gerade in dieser Beschränktheit zeigt sich, dass Wohnorte ein Gedächtnis haben. Sie sind nicht nur gegenwärtiger Lebensraum, sondern wahren Erinnerungen und Leistungen unserer Vorfahren, die wir respektieren sollten, verbessern und zukünftig für uns gestalten dürfen. Jeder ist mit seiner Verantwortlichkeit und Möglichkeit willkommen.

Adelheid Neupert

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