Leserpost: Lazarettschiff „Leipzig“

Diesen Sommer bekam ich ein ganzes Bündel Elbhang-Kuriere geschickt, unter anderem auch den von 11/2005 und 2/2006. Im ersteren sah ich die „Leipzig“ angeschlagen in der Elbe liegen und im zweiten war ein Leserbrief von Heinz Pahlisch.

Er berichtet darin, dass sein Vater das Schiff nach dem Angriff nach Dresden gefahren hat und sicher später auch, als Verwundete nach Pirna gebracht wurden.

Dazu kann ich einiges ergänzen. Meine Mutter, Frau Magda Findeisen, war Rotkreuz-Leiterin in Hosterwitz/Pillnitz und dadurch schon lange vor dem Angriff mit dem Planen des Einsatzes eines Lazarettschiffes beschäftigt.
Sie war in der Nacht vom 13. zum 14. Februar lange Zeit oben an der Dresdner Straße, wo die Bomben, unter anderem, Wipplers und Kuhnerts Anwesen getroffen hatten. Ganz zeitig früh am 14. Februar machten wir beide, meine Mutter und ich, uns fertig weil wir aufs Schiff gehen mussten.

Sie nahm mich mit (ich wurde ein paar Tage später 14 Jahre alt), weil sie nicht wusste wann sie wieder nach Hause kommen würde und mich lieber in ihrer Nähe wusste. Ich wurde angewiesen, dass ich niemanden in den Weg kommen durfte, und mich irgendwo auf dem Schiff in eine Ecke setzen sollte. Wir fuhren mit der Fähre in Pillnitz über, und warteten dort auf das Schiff. Ich weiß nicht, warum wir dort drüben warten mussten, aber es war noch nicht da (im Gegensatz zu dem Bericht von Heinz Pahlisch). Meine Mutter sagte, dass es oben in Pirna liegt und erst angeheizt werden muss, so mussten wir warten bis es runter kam. Es muss so um zehn gewesen sein, als es kam und wir alle drauf gingen. Es waren inzwischen einige Rotkreuz-Schwestern gekommen, und auch einige Rotkreuz-Helfer.

Der als Lazarettschiff eingesetzte Personendampfer „Leipzig“, hier noch an seinem Einsatzort am Kleinzschachwitzer Ufer liegend, sank bei der Bombardierung am 2. März 1945 (Bild aus Elbhang-Kurier 11/2005)

Der als Lazarettschiff eingesetzte Personendampfer „Leipzig“, hier noch an seinem Einsatzort am Kleinzschachwitzer Ufer liegend, sank bei der Bombardierung am 2. März 1945
(Bild aus Elbhang-Kurier 11/2005)

Wir fuhren sofort los, und als erstes sah ich Leute, eingehüllt in Decken, im Rauchnebel am Elbufer hoch laufen (ich erinnere mich dass ich mehr aufs linke Elbufer sah). Dann brannte ein Haus lichterloh kurz vor dem Blauen Wunder, dort waren Verwundete untergebracht gewesen, viele von ihnen lagen oder standen auf der Wiese und winkten uns rüber zu kommen, sie hofften dass wir sie abholen. Aber der Befehl war, dass das Schiff in die Stadt fahren sollte (soviel ich weiß, sollte es an der Vogelwiese anlegen). Es war ein Angestellter der Schifffahrt dabei, der gleich nachdem wir unter dem Blauen Wunder durch waren ausstieg, es wurde ganz kurz angelegt, weil er sehen wollte, ob er irgend was helfen konnte. Als wir dann an das Gelände der Vogelwiese kamen, legte der Kapitän an. (Ich glaube bestimmt, dass es Herr Pahlisch war, und meine Mutter hat ihn sehr geschätzt). Ich weiß nicht ob noch jemand dabei war aber sicher muss jemand im Maschinenraum gewesen sein.

Dort angekommen, warteten wir auf Krankenwagen, die die Verwundeten bringen sollten, nach Plan. Aber nichts kam. Da nahm einer der Rotkreuz-Helfer sein Fahrrad und fuhr los, um in der Rotkreuz-Zentrale zu fragen was los ist. Er kam nach kurzer Zeit zurück und sagte, dass nichts kommen wird, weil die Stadt total zerstört ist, überall brennt es noch und die Straßen sind kaputt und übersäht mit Scherben und so weiter. Grade da hörten wir wieder Flieger, und sofort kletterten alle über den provisorischen Steg runter vom Schiff. Da war ein dickes Rohr, gleich am Ufer, (vielleicht für Überschwemmung?), dort krochen wir hinein. Ich erinnere mich noch, dass ich zwischen meiner Mutter und dem Herrn Kapitän saß. Uns gegenüber saß ein Soldat, den es die ganze Zeit schrecklich schüttelte. Der Kapitän sagte zu mir „Du brauchst keine Angst haben, er hat nur einen Schock von den Bomben, deshalb schüttelt er so.“

Als das Krachen der Bomben aufhörte und die Flieger fort waren gingen wir alle wieder auf’s Schiff zurück. Und dann wurde entschieden, dass alle Leute, die da unten an der Elbe liefen oder standen, ganz gleich ob sie gesund waren oder nicht, mitgenommen würden. Der Kapitän wollte sobald als möglich fort, weil er nicht mal wusste ob das Blaue Wunder noch steht. Sobald alle Leute aufgenommen waren fuhren wir elbaufwärts. Das Blaue Wunder stand noch, und der Kapitän legte dann kurz dahinter am linken Ufer an, um die Verwundeten, die wir früh gesehen hatten aufzunehmen.

Ich saß dann vorn auf dem offenen Deck, und da gab es gleich einige Aufregung. Erst mal wurde eine Tragbare gebracht mit einem zugedeckten Körper. Es war der Mann, der früh mit uns rein gefahren war. Uns wurde gesagt, dass ihn eine Stabbrandbombe ins Bein getroffen hatte, bei dem Mittagsangriff, als er am Ufer der Elbe lag, und er war verblutet. (Ich weiß nicht, ob das stimmte). Der zweite Schock war, dass einer der Soldaten wohl Typhus haben sollte. Was tun? Der Kapitän gab seine kleine Kabine auf, damit der Soldat dort liegen konnte, ohne Gefahr jemand anderes anzustecken. Als wir alle Soldaten geladen hatten, die mitfahren sollten, gings weiter bis nach Kleinzschachwitz, wo das Schiff anlegte.

Meine Mutter fuhr gleich mit ihrem Rad los, um zu versuchen einen Arzt zu finden, der auf’s Schiff kommen würde, weil die geplante Arztversorgung nicht funktionierte. Als sie zurück kam sagte sie, dass sie an jedem Haus wo ein Arztschild war, angehalten hatte und sie hatte Glück. Ein junger Arzt war für einen ganz kurzen Urlaub zufällig zu Hause und er willigte ein zum Schiff zu kommen.

Dann, und es war schon dunkel, oder wurde gerade dunkel, kam ein Schiff von der Stadt her und legte an unseres an. Die Leute, die auf dem Schiff waren, wurden auf unseres transferiert. Ich war nicht unten in der Kabine, wo die Lazarettbetten waren, so weiß ich nicht wer dort lag, aber sicher waren sie belegt. Ich weiß nur, dass die ersten Leute, die wir an der Vogelwiese mitgenommen hatten gebeten worden waren, vom Schiff runter zu gehen, und sich auf den Weg zu machen, entweder rüber nach Pillnitz, oder wo sie eben unterkommen konnten. Das Schiff, was an uns anlegte, hatte alle möglichen Leute drauf, Verletzte und Unverletzte. Meine Mutter sagte, das eine Frau mit der sie sprach, sie lag auf einer Bank oder was, kurz danach starb. Eine andere Frau wusste, dass ihr Bein abgenommen werden musste, und sie sagte, dass sie damit einverstanden war. Und in meiner Nähe standen zwei Männer die in Decken gehüllt waren, ihr Gesicht mit schwarzem Öl verklebt, die Lippen dick geschwollen.

Jemand sagte, sie sollen sich setzen oder legen, aber sie sagten, „nein, wir können warten“. Es waren zwei kleine Kinder in weißen Kaninchenpelzmänteln, die niemand kannte oder wusste wo sie hin sollten. Es war ein schreckliches Chaos, und irgendwann sagte der Kapitän, dass er an seinem Radio gehört hat, dass wieder Flieger im Anflug sind. Das war für mich das Ende meiner Geduld. Ich sagte zu meiner Mutter, dass ich heim gehe, ich kann nicht mehr dort bleiben. Sie hatte die Rotkreuz-Helfer erst mal heim geschickt, sie sollten um 21 Uhr wieder da sein. Und sie sagte zu mir, dass ich noch so lange warten muss, dann gehen wir heim. So war es auch, und ich war heilsfroh, als wir wieder zu Hause waren.

Obwohl das alles vor 62 Jahren war ist es noch ganz lebhaft in meiner Erinnerung. Meine Mutter war dann noch ein paar mal auf dem Lazarettschiff, auf den Fahrten elbaufwärts. Mein Geburtstag war am 18. Februar und sie war in der Nacht vom 17. zum 18. von Pirna mit dem Fahrrad heim gefahren, damit sie früh zu meinem Geburtstag zu Hause war. Ein paar Tage später, ich denke es muss so am 21. oder 22. Februar gewesen sein, da hat sie mich noch einmal mitgenommen, weil das Schiff weiter die Elbe rauf fahren musste. Sie sagte mir, dass alle Lazarette oder Plätze wo Verwundete oder Kranke untergebracht werden konnten überfüllt waren, und das Schiff musste so weit rauf fahren wie es eben nötig war um noch Betten zu finden. Sie wusste nicht, wann es zurück kommt, so nahm sie mich mit.

Da sind wir bis Aussig gefahren, und dort konnten die letzten Patienten vom Schiff gehen. Zu dieser Fahrt war ich kurz in der Nähe des Raumes wo die Betten waren, soviel ich mich erinnere waren es zweistöckige Betten. Da waren Kranke, die in einem der Krankenhäusern in Dresden so lange im Keller gelegen hatten bis sie mit dem Schiff weg transportiert werden konnten. Ich glaube zwei der Kranken waren inzwischen gestorben und lagen, eingehüllt auf dem Deck bis wir in Aussig ankamen. Das war die letzte Erinnerung, die ich an das Schicksal des Lazarettschiffs „Leipzig“ habe.

P.S: Ich lebe seit 1955 in Kanada, fliege aber fast jedes Jahr heim nach Deutschland. Mein Herz ist in Dresden (vor allem in Hosterwitz) geblieben und ich bin jedes mal glücklich wenn ich wieder in meine Heimat komme. Meine Freundin in Hosterwitz ist Frau Virgilia Uhlmann, die mir alle Elbhang-Kuriere aufhebt und mitbringt oder schickt, und mir damit immer viel Freude macht.

Meine E-Mail-Addresse ist: ursel@encode.com falls Sie noch irgendwelche Fragen haben, oder jemand an mich schreiben will.

Ursula Soper

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