Wer „spielt“ mit unseren Äpfeln?

Interview mit Frau Dr. Hanke vom Institut für Züchtungsforschung an gartenbaulichen Kulturen und Obst

Vom 1. bis 5. September fand in Pillnitz das erste „Internationale Symposium zur Biotechnologie bei Obstarten“ statt. Ausrichter der Internationalen Tagung, an der 180 Wissenschaftler aus 52 Ländern teilnahmen, waren das Sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG), die Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden (HTW) sowie das Institut für Züchtungsforschung an gartenbaulichen Kulturen und Obst Dresden, das zum Julius Kühn-Institut (JKI) gehört.

Das JKI -Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen mit Hauptsitz Quedlinburg besteht aus 15 Instituten an 11 Standorten, darunter auch das Pillnitzer Institut, das von Dr. Magda-Viola Hanke geleitet wird. Im Vorfeld des Symposiums fand – ebenfalls in Pillnitz und Wachwitz – am 30. und 31. August eine Fachtagung „Biofruit ohne Gentech – Hände weg von unseren Äpfeln“ statt, worüber der Elbhangkurier in den Ausgaben August und Oktober berichtet(e); diese Tagung war von Initiativen für gentechnikfreie Landwirtschaft organisiert worden.

Mit Bezug auf die zeitliche Nähe beider Veranstaltungen bat der Ebhang-Kurier Frau Dr. Hanke um die Beantwortung folgender Fragen:

Mit diesem Plakat und einem stilisierten „Gen-Apfel-Würfel” baten die „Gentechnik-Gegner” in Pillnitz um Aufmerksamkeit. Foto: Dieter Fischer

Mit diesem Plakat und einem stilisierten „Gen-Apfel-Würfel” baten die „Gentechnik-Gegner” in Pillnitz um Aufmerksamkeit.
Foto: Dieter Fischer

Elbhang-Kurier: Vor und während Ihres Symposiums war die Pillnitzer Landstraße von Plakaten flankiert, auf denen unter dem Slogan „Biofruit ohne Gentech“ mehrsprachig gemahnt wurde „Man spielt nicht mit dem Essen“. Wie haben Sie selbst und Ihre Tagungsgäste darauf reagiert?

Dr. Hanke: Wir nehmen die Bedenken, die gegenüber modernen biotechnologischen Methoden gehegt werden, sehr ernst. So beschäftigte sich u. a. ein Tagungsbeitrag mit der Abschätzung von Umweltrisiken, die von gentechnisch veränderten Pflanzen ausgehen könnten. Wir versuchen Transparenz zu schaffen, indem wir über unsere Forschungsarbeiten berichten.

Hatten die Verfechter des „gentechnikfreien Obstbaues“ die Möglichkeit, Ihr Symposium wahrzunehmen?

Ja, es handelte sich um eine offene Fachtagung der Internationalen Gesellschaft für Gartenbauwissenschaften (ISHS). Jeder, der die entsprechende Tagungsgebühr entrichtet hat, konnte daran teilnehmen. Der Aufruf zur Teilnahme konnte bereits im Januar 2007 auf unseren Institutsseiten im Internet eingesehen werden. Es ist üblich, dass sich Journalisten und Vertreter von Interessengruppen vorher akkreditieren lassen und dann kostenfrei teilnehmen können. Die ISHS ist übrigens die führende unabhängige Organisation für Gartenbauwissenschaftler mit etwa  7000 Mitgliedern in mehr als 140 Ländern.

Ihr Symposium verwendete für sich den Terminus „Biotechnologie“. Ist das eine moderate Umschreibung für Gentechnik?

Nein, als Wissenschaftler nehmen wir es sehr genau mit den Fachbegriffen. Gentechnik ist ein Teilgebiet der Biotechnologie und bezeichnet jene Methoden, welche gezielte Eingriffe in das Erbgut und/oder in die biochemischen Steuerungsvorgänge von Lebewesen ermöglichen und als deren Produkt gentechnisch veränderte Organismen (GVO) entstehen. Andere Teilgebiete der Biotechnologie befassen sich zum Beispiel mit Fragen der Genomanalyse mithilfe molekularer Marker, mit In-vitro-Kultur und –vermehrung oder Kältekonservierung. Auf der Tagung wurden Arbeiten aus unterschiedlichen Teilgebieten der Biotechnologie vorgestellt. Aus diesem Grund wurde der Titel Biotechfruit2008 bewusst so gewählt und beschreibt fachlich korrekt und umfassend den Inhalt der Tagung.

In einer Presseinformation werben Sie für „verkürzte Zuchtprozesse, an deren Ende neue Apfelsorten mit ausschließlich apfeleigenen Genen“ stehen. Mit welcher Intensität betreiben Sie – in Fortführung der Pillnitzer Tradition – mit bewährten Züchtungsmethoden die Erhaltung oder Wiederbelebung „alter Obstsorten“, für die sich auch der Pomologenverein einsetzt?

In dieser Frage vermischen Sie verschiedene Aspekte: die Erhaltung und ‚Wiederbelebung’ alter Sorten und die Züchtung neuer Sorten.

Die Erhaltung „alter Obstsorten“ geschieht durch das Führen der so genannten „Obstgenbank Dresden“ an unserem Institut. Dies ist ein Baum- und Pflanzenbestand zur Erhaltung alter Sorten, die heute z. T. verloren gegangen sind. Das Betreiben einer solchen Genbank ist kostenintensiv und zeitaufwändig. Auf dem Gebiet der Erhaltung alter Sorten arbeiten wir eng mit anderen staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen, u. a. auch mit dem Pomologen-Verein e.V., zusammen. Unlängst wurde die Deutsche Genbank Obst als nationales Netzwerk gegründet, die von unserem Institut aus koordiniert wird (dazu gibt es eine Presseinfo vom 28.4.2008).

Ein weiteres Aufgabengebiet des Instituts besteht in der Züchtung von „neuen Obstsorten“. Indem wir bewährte Züchtungsmethoden verbessern (Stichwort verkürzte Zuchtzeiten) und dem Stand des Wissens und der Technik anpassen, führen wir die Pillnitzer Tradition fort. Die bedeutenden Züchter in Pillnitz hat immer ausgezeichnet, dass sie für Neues aufgeschlossen waren bzw. selbst entscheidende Neuerungen in die Züchtungsmethodik eingeführt haben.

Die Interessengemeinschaft Weinbergkirche Pillnitz e.V. hat sich nach der „Wende“ vehement für die Standorterhaltung der Pillnitzer „Gen-Bank Obst“ eingesetzt. (A) Muss diese IG in absehbarer Zeit mit der „Freisetzung“ gentechnisch veränderter Apfelsorten in Pillnitz rechen? (B)

Auch hier werden zwei verschiedene Aspekte angesprochen.

Zu A) Die Obstgenbank Dresden, die heute an unserem Institut betrieben wird, hat den Standort Pillnitz nie verlassen, sie war zwischenzeitlich einer anderen Forschungsinstitution zugeordnet worden und gehört nun seit Januar zum JKI, das seinerseits dem Bundeslandwirtschaftsministerium untersteht.

Zum zweiten Teilaspekt B) Die Antwort auf ihre Frage deckt sich mit der auf weitere Fragen und liegt  auch durch eine Pressemitteilung unseres Institutes vom  1. September vor, die ich noch auszugsweise wiederholen will.

In der öffentlichen Wahrnehmung haben gentechnisch veränderte, insbesondere transgene Pflanzen einen schweren Stand, denn sie werden durch die Einführung artfremder, etwa aus Bakterien isolierter Gene verändert, wie dies in der Natur nicht vorkommt. Wachsen auf Ihren Versuchsflächen solche Pflanzen?

Nein. Wir haben keine transgenen Pflanzen auf unseren Freilandversuchflächen stehen und werden dies auch in absehbarer Zukunft für transgene Pflanzen nicht beantragen.

Frau Dr. Hanke, längst haben sich neue Methoden in der Züchtung etabliert, die auf molekularer oder zellbiologischer Ebene ansetzen, jedoch keine der kritisch beäugten „gentechnisch veränderte Pflanzen“ hervorbringen. Was verbirgt sich hinter dem so genannten smart breeding?

In der klassischen Züchtung werden zwei Pflanzen gekreuzt und man wählt unter den Nachkommen diejenigen Pflanzen aus, die die gewünschte Eigenschaft geerbt haben. Smart Breeding hebt das Geschehen auf eine neue Stufe, denn hier wird nicht an Hand des Erscheinungsbildes der ausgewachsenen Pflanze ausgewählt, sondern der Blick auf die Gene der noch nicht ausgewachsenen Pflanze gelenkt, um festzustellen, ob sie die gewünschte Eigenschaft tragen wird. Voraussetzung ist, dass man weiß, welche Gene für welche Eigenschaft stehen. Das ist längst nicht für alle Gene geklärt. Zudem gibt es Eigenschaften, die von sehr vielen Genen gesteuert werden. Hier ist noch Forschungsbedarf.

Mit gentechnischen Methoden lassen sich Gene z. B. aus einer Wildapfelsorte in eine aktuelle Sorte einführen. Sind Sie auf diesem Gebiet tätig?

Ja. Pflanzen, bei denen Gene derselben Art oder von kreuzbaren, verwandten Arten übertragen werden, nennt man cisgene Pflanzen. An unserem Institut arbeiten wir an Methoden, die es erlauben, etwa Gene aus Apfel-Wildarten, die unsere Äpfel resistenter gegen Krankheiten werden lassen, zu übertragen. Cisgene Pflanzen enthalten keine Gene von außerhalb des Genpools, wie ihn auch konventionelle Züchter verwenden.

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