Buch Dresden 1951 – 2006

Reaktionen zum Interview mit Dr. Böhme-Korn

Leserbriefe von Wolfram Vogel und Hans-Georg Irmscher

Keine Chance für das Dresdner Welterbe?

„Wir wollen in unserer Stadt endlich wieder machen, was wir wollen.”…., so machte Herr Dr. Böhme-Korn die Einstellung seiner Partei zu Dresden deutlich (DNN 9. August 2008). Welch gigantische Selbstüberschätzung steckt dahinter? Da wird die Machtfülle eines absolutistischen Feudalherrschers beansprucht, allerdings ohne auch nur einen Hauch von der Genialität eines weitreichenden Planes wie bei August dem Starken zu besitzen. Das Dresdner Elbtal ist eine einzigartige Kulturlandschaft, die immer mehr unter Veränderungsdruck leidet. Mit dem Bau der Waldschlößchenbrücke in Dresden manifestiert sich eine bisher ungekannte Brutalität gegenüber der einzigartigen Elblandschaft. Zwar gab es in den 1930er Jahren eine Brückenplanung, aber stattdessen entstand der Pavillon am Waldschlößchen als wichtigstes Element der abschließenden Gestaltung des Areals.

Einige Architekten haben offenbar nicht den Willen, sich mit ihren Bauten behutsam in die vorhandenen Strukturen einzupassen und einflussreiche Personen mit Feingefühl sind uns abhanden gekommen. Das Denken von Naturwissenschaftlern endet anscheinend viel zu oft bei der technischen Machbarkeit, ideelle Werte zählen nicht. Seit der deutschen Wiedervereinigung hat sich eine Flut von Bauten über uns ergossen, die vornehm ausgedrückt, von der Spannung zwischen ihrem „Überallstil” zu ihrer Umgebung leben und es hört nicht auf. Als Beispiel reicht der Postplatz…. Die Hoffnung, dass nun architektonische Fehlentwicklungen aus der DDR-Zeit korrigiert werden könnten, wird mit jedem stillosen Neubau ein Stückchen mehr beerdigt. Soll die Brücke am Waldschlößchen (ich kenne mittlerweile eine Vielzahl ähnlicher grobschlächtiger Zweckbauten in Deutschland) dieser „dritten Zerstörung” des alten Dresden die Krone aufsetzen?

Alles, was nicht für den Bau dieser Brücke am Waldschlößchen spricht, scheint für Dr. Böhme-Korn nicht zu existieren oder ist nach seiner Ansicht nicht legitimiert. Die demokratische Legitimation eines Bürgerentscheids ist so eine Sache, wenn 50 Prozent der Stimmberechtigten gar nicht abgestimmt haben. Dabei haben die Brückenbefürworter schon seit 15 Jahren die Öffentlichkeit mit der Behauptung vom Zusammenbruch des Dresdner Stadtverkehrs gelenkt. Wie der Bau der Waldschlößchenbrücke herbeigeführt wurde, ist mit rechtsstaatlichen Prinzipien nicht vereinbar. Dieses Vorhaben verstößt mit voller Absicht gegen das Dresdner Ortsbaugesetz vom 9. November 1900.

Unter Oberbürgermeister Beutler wurde damals eindeutig und unumkehrbar festgelegt, dass die Bebauung der Wiesen am Waldschlößchen in ihrer gesamten Ausdehnung auf alle Zeiten ausgeschlossen ist. Das ist nachzulesen im Stadtarchiv der Landeshauptstadt Dresden. Dieses Gesetz gilt weiterhin! Auch neuere Gesetze wurden gebrochen, denn Bürgerentscheide dürfen sich nicht gegen bestehende Gesetze richten. Dazu zählt übrigens auch die von der Bundesrepublik Deutschland unterschriebene UNESCO-Welterbekonvention, die laut Gutachten auch ohne besondere Ratifikation für lokale Behörden bindend ist. In der ganzen Welt ist man froh, ein Objekt mit Welterbetitel zu besitzen außer einem kleinen gallischen Dorf … nein, bei den Taliban und in einer kleinen Stadt an der Elbe. Dort zerstört man Welterbe, weil es nicht in eigene Glaubensvorstellungen passt.

Der Schutz der Dresdner Elbwiesen – die Grundvoraussetzung für die Entwicklung der einmaligen Komposition aus Landschaftsraum und Kulturstadt – war über viele Generationen hinweg Herzensangelegenheit sowohl der Landesherren als auch der Dresdner Stadtoberen. Er wurde durchgehalten über alle geschichtlichen Umbrüche vom 30jährigen Krieg bis zur deutschen Wiedervereinigung. Der kursächsische Oberlandbaumeister und Hofarchitekt Wolf Caspar von Klengel (1630 – 1691) schuf die Grundlagen für die Entstehung des Dresdner Barock und war der Architekturlehrer von Johann Georg IV. und Friedrich August I. (August der Starke). Er verhinderte das Bebauen der Dresdner Elbwiesen und wird von der Stadt Dresden mit einer Gedenktafel geehrt, die ? welche Ironie ? keine 20 Gehminuten von der Brückenbaustelle entfernt zu finden ist.

Wenn jemand intensive Lobbyarbeit gemacht hat, dann waren es – anfangs nur im Verborgenen – die Brückenbefürworter. Da wurde schon kurz nach 1990 das vorgesehene Baugelände aus dem Landschaftsschutzgebiet ausgegliedert. Die öffentliche Meinung wurde viele Jahre lang mit der Argumention eines angeblichen Verkehrskollaps manipuliert. Als Indiz für ein dringendes Verkehrsbedürfnis am Waldschlößchen müsste es dort zumindest eine Autofähre geben. Die in den offiziellen Planungsunterlagen der Stadt Dresden enthaltene Verkehrsprognose besagt eindeutig, dass die Brücke die Verkehrsprobleme der Stadt vergrößert. Die ebenfalls untersuchte Alternative Tunnel wird von der Brückenlobby bis zum heutigen Tag schlecht gerechnet. Einen Elbtunnel für Fußgänger und Radfahrer – nach Ansicht der Brückenbefürworter unmöglich – gibt es schon fast 100 Jahre in Hamburg.

Wolfram Vogel


Betreff: Welterbe Dresdner Elbtal

Sehr geehrter Herr Dr. Böhme-Korn,

Ihr Interview „zum Brückenstreit” im Elbhang-Kurier veranlasst mich, dazu einige Bemerkungen zu machen. Sie sagen, 137 000 Dresdner Bürger haben für die Brücke gestimmt. Das ist formal richtig, weil ein Bürgerentscheid nun eben nur eine eingeengte Fragestellung mit „Ja” oder „Nein” zulässt. Nach Gesprächen mit sehr vielen Dresdner Bürgerinnen und Bürgern weiß ich jedoch, dass diese Stimmen durchaus differenziert zu betrachten sind. Für die Brücke haben gestimmt, diejenigen,

  • die genau diese Brücke wollten, wie sie in der Planung vorlag,
  • die lieber eine andere Brücke wollten,
  • denen völlig gleichgültig war, wie eine Elbquerung an dieser Stelle aussieht;
  • Hauptsache, dort wird gebaut
  • die das Elbtal an dieser Stelle lieber nicht beschädigt hätten, ohne Kenntnis,
  • dass es einen realisierbare Tunnellösung gibt, aber die Elbquerung höher bewerteten

und wiederum andere sind nicht zur Abstimmung gegangen, weil sie zwar die Elbquerung wollten aber nicht die Beschädigung des Elbhanges. Also, das Votum galt eben vorrangig einer Elbquerung an dieser Stelle. Die einzelnen Varianten der Zustimmung zu quantifizieren, ist spekulativ.

Drei Jahre lang haben sich die Stadtratsfraktionen der CDU und FDP im Wissen darum immer auf den Souverän, das Volk, berufen und alle Kompromissaktivitäten (Elbquerung und Erhalt der Elbauen) abgelehnt. Nach Ablauf der Bindungswirkung des Bürgerentscheides und der bereits seit Februar 2008 allen Verantwortlichen bekannten Situation, dass die UNESCO bei Weiterbau der Brücke (wie danach auch in Quebec bestätigt) den Welterbetitel aberkennen wird, entstand eine neue Lage.

Spätestens in diesem Moment hätten die demokratischen Parteien mit einer Aktivität (auch zur Bewahrung des Bürgerfriedens in der Stadt) reagieren und die Bürgerinnen und Bürger nochmals befragen sollen, ob sie diese gewünschte Elbquerung als Brücke mit den nun bekannten Konsequenzen oder als durchgängigen Tunnel realisiert haben wollen. Sie hätten einen neuen Bürgerentscheid darüber unterstützen sollen. Die Zielstellung von demokratischen Parteien sollte doch sein, den mehrheitlichen Willen der Bürger zu erfragen und so zu entscheiden. Leider haben Sie und Ihre Fraktion einen neuen Bürgerentscheid bisher bekämpft. Das enttäuscht mich. Aus Umfragen kann man nicht verbindlich schließen, welche Art von Elbquerung die Bürgerinnen und Bürger wirklich wollen.

Sie verweisen auf zwei Seiten der Medaille des Titels „Welterbe Dresdner Elbtal”. Die eine Seite ist diese: „… Die Aufnahme in diese Liste bestätigt den herausragenden universellen Wert eines Kultur- bzw. Naturdenkmals, das im Interesse der gesamten Menschheit Schutz erfordert”. So steht es beispielsweise im Muskauer Park. Das gleiche gilt für das Dresdner Elbtal. Weiterhin gilt, dass die 156 der UNESCO beigetretenen Staaten sich verpflichtet haben, das auf ihrem Gebiet befindliche Welterbe für unsere Nachkommen zu bewahren. Ich meine, da hat die Bundesrepublik Deutschland auf Grund Ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung eine Leitfunktion. „Wenn Deutschland dieser Verpflichtung nicht nachkommt, wie sollen weniger wirtschaftsstarke Länder davon überzeugt werden, nicht im Zweifelsfall den Bau eines Kraftwerkes oder eines Flugplatzes dem Erhalt unersetzbarer Stätten vorzuziehen?” (Zitat aus der „Lausitzer Rundschau”), Die andere Seite der Medaille ist Ihre Aussage: „Freie Hand für die Akteure” und „Dresden kann sein Schicksal wohl bald wieder ganz in die eigenen Hände nehmen”.

(Zitat Stadtrat Böhme-Korn über die Tagung in Christchurch). Daraus entnehme ich, dass Ihnen das Welterbe eine Last ist. Sie wollen offensichtlich nicht Bewahrer sein sondern zu Lasten des schönen Dresdner Elbraumes ungebremst durch übergeordnete Gremien Veränderungen vornehmen können. Das scheint mir in Wahrheit „des Pudels Kern”. Dieses Verhalten ist für mich sehr befremdlich. Dass die wertkonservative Partei CDU hier Vorreiter ist und die Elbauen zerstörerisch zu verändern sucht anstatt sie zu bewahren, sei es selbst bei Verlust des Welterbetitels, ist für mich nicht nachvollziehbar.

Und schließlich die angeblich unterschiedliche Sichtweise zur Rolle des Straßenverkehrs. Über die im Bau befindliche Brücke darf nur mit 30 km/h gefahren werden, der Volltunnel würde aber bei gleichem Fahrbahnsystem den gleichen Verkehrsfluss bewältigen. Wo läge denn da bei Bau eines Volltunnels „des Pudels Kern”? Sollten etwa die Radfahrer und Fußgänger das entscheidende Kriterium Ihrer Sichtweise sein? Mein Eindruck ist, dass Ihr Interview doch etwas sehr polemisch ist. Ihre „Achtung vor demokratischen Entscheidungen” sollte auch einen neuen Bürgerentscheid einschließen.

Ich erwarte von Ihnen und Ihrer Fraktion, dass sie sich dieses Problems unter den o. g. Gesichtspunkten nochmals annehmen. Durch einen auch von Ihnen mitgetragenen Beschluss für einen partiellen Baustopp (nur Tunnel kompatible Leistungen weiterbauen lassen) besteht die Möglichkeit, dass eine Prüfung der Realisierbarkeit der Elbquerung mittels eines Volltunnels erfolgen kann. Mit diesem Tunnel könnte unsere schöne Elbaue an dieser zentralen und sensiblen Stelle bewahrt werden.

An Ihrer Stellungnahme wäre ich sehr interessiert und sehe Ihrer Antwort mit Interesse entgegen. Ich gestatte mir, diesen Brief an den „Elbhang-Kurier” und an Ihre Fraktion im Stadtrat weiterzuleiten.

Mit freundlichen Grüßen,
Hans-Georg Irmscher

 

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