Peter Schreier – ein Weltbürger am Elbhang

Interview zur neu erschienenen Bildbiografie

Entspannung im Loschwitzer Refugium. Foto: Bildbiografie

Entspannung im Loschwitzer Refugium.
Foto: Bildbiografie

So groß wie das Interesse an der Buchpremiere Ende November  war, so groß wird sicherlich auch die Leserschaft sein. Und wer diese Veröffentlichung  nicht auf dem Gabentisch vorfand, dem sei sie jetzt noch empfohlen. Der bekannte Dresdner „Bild“- Journalist Jürgen Helfricht  ist der Autor der im Verlag der Kunst erschienenen Biografie „Peter Schreier. Melodien eines Lebens“.

Ebenfalls am Elbhang woh­nend, kennt er den Künstler über viele Jahre und kann so auf  fast freundschaftlicher Basis eine sehr offene, aber nicht kritisch wertende Bio­grafie verfassen. Sie besticht vor allem durch viele kleine Episoden, die das Leben und die berufliche Entwicklung Schreiers lebendig werden lassen.

Jürgen Helfricht: „Peter Schreier. Melodien eines Lebens“, Eine Bildbiografie, 183 Seiten, 24,95 EUR, (ISBN 978-3-86530-109-3).

Jürgen Helfricht: „Peter Schreier. Melodien eines Lebens“, Eine Bildbiografie, 183 Seiten, 24,95 EUR, (ISBN 978-3-86530-109-3).

Umfangreich waren dazu Helfrichts Recherchen u. a.  in Dresden, Berlin, Salzburg und auf den Kapverden im Atlantischen Ozean, wo Schreiers ein Ferienhaus besitzen. Besonders beeindruckend  ist die große und geschickt ausgewählte Anzahl von bisher noch nicht veröffentlichten, teilweise sehr privaten Fotos, die den Untertitel „Bildbiografie“ rechtfertigen.

Die inhaltliche Gliederung orientiert sich an Schreiers künstlerischer Entwicklung. Raffiniert formulierte Überschriften reizen zum Lesen der insgesamt 44 Kapitel. Interessant sind dabei vor allem die Abschnitte, wo Peter Schreier offen über kritische Lebensphasen berichtet, wie bei­spielsweise über sein viel diskutiertes Verhältnis zum Kreuzkantor Rudolf Mauersberger oder über sein Verhalten in Wendezeiten. An diesen Stellen wird deutlich, Schreier ist kein elitärer Star, sondern ein Mensch mit einer überdurchschnittlichen Begabung und Arbeitsdisziplin, die ihn zum Sänger von Weltruf werden ließen. Als positiv sind die häufigen, direkten Zitate Peter Schreiers zu bestimmten Situationen und Personen zu nennen, die damit die Bio­grafie sehr authentisch machen.

Nur ab und an rutscht der Autor in boulevardjournalistische For­mu­lierungen ab, so zum Beispiel bei der Beschreibung von Schreiers Salzburg- und Wien-Debüt. Andererseits macht dieser unkomplizierte, kurzweilige Stil das Buch lesbar und verständlich. Für Kenner und Schreier-Fans wertvoll sind die Register am Ende des Buches, die ausführlich Fakten zum Stammbaum, zum Repertoire Schreiers als Sänger und Dirigent sowie zu ihn begleitenden Dirigenten, Pianisten und Regisseur­en vermitteln.

Gerade aus Brasilien heimgekehrt fand Peter Schreier Mitte Dezember Zeit für ein Gespräch mit unserer Redakteurin Sonja Bernstengel:

EHK: Herr Professor Schreier, Sie sind gestern erst aus dem sicher heißen Sao Paulo zurückgekommen, wo Sie das „Weihnachtsoratorium“ dirigierten. Welche Eindrücke bringen Sie von dort mit an den weihnachtlichen Elbhang?

Peter Schreier: Zunächst einmal bin ich noch etwas geschafft, denn zwölf Stunden Flug schlauchen doch ganz schön. Aber es waren für mich künstlerisch sehr beglückende Tage im hochsommerlichen Sao Paulo.  Ich habe dort  mit dem Sao Paulo Sym­- phonie Orchester und einem be­geisterungsfähigen Chor das „Weihnachtsoratorium“ einstudiert und aufgeführt. Und wissen Sie, Bach ist dort immer noch so etwas wie ein Exot, man bringt ihm außergewöhnlich großes Interesse und viel Liebe entgegen. Das ist ein Riesenvorteil für einen Dirigenten.

Zudem fanden die drei Konzerte in einem wunderschönen Saal statt. Man hatte einen ehemaligen alten Bahnhof zu einem beeindruckenden Konzertsaal umgebaut. Ja, und als ich mit Verspätung aus dem nebligen Frankfurt in Dresden ankam, erfuhr ich, dass gerade unser achtes Enkelkind, ein Frede­rik, geboren wurde. Kann es einen schöneren ersten Eindruck von meinem Zuhause geben?

Prof. Mauersberger mit Sängerknaben. Rechts Peter Schreier. Foto: Bildbiografie

Prof. Mauersberger mit Sängerknaben. Rechts Peter Schreier.
Foto: Bildbiografie

In Ihrer jetzt erschienenen Bild­bio­grafie ist ein Kapitel mit der Überschrift „Ein Refugium am Loschwitzer Elbhang“ auch Ihrem Heim gewidmet. Seit nunmehr 30 Jahren wohnen Sie mit Ihrer Fami­lie hier und kehren aus aller Welt immer wieder zurück. Was ver­bindet Sie als Weltbürger mit dem Hang?

Kurz gesagt: Heimat ist und bleibt eben Heimat. Ich habe schon immer ein wahrscheinlich angeborenes Heimatgefühl gehabt und verkomme nahezu seelisch, wenn ich lange woanders bin. Sicher habe ich auch meine welt­weiten Auftritte genossen, besonders die in Wien und Salzburg. Aber ich hatte nie ein einziges Mal den Gedanken oder gar das Bedürfnis, woanders zu leben als am Elbhang. Denn hier habe ich meinen Freundeskreis, hier wohne ich in einer landschaftlich reizvollen Umgebung und hier fand und finde ich immer wieder die Ruhe in meinem doch anstrengenden Künstlerleben.

Mit Söhnen, Schwiegertochter, Enkeln und Hündin Penny im Sommer 2008. Foto: Bildbiografie

Mit Söhnen, Schwiegertochter, Enkeln und Hündin Penny im Sommer 2008.
Foto: Bildbiografie

Mit Ihrem 70. Geburtstag 2005 nahmen Sie Abschied von der Sängerlaufbahn. In Prag  war am 22. Dezember 2005 Ihr letzter sängerischer Auftritt in Bachs „Weihnachtsoratorium“. Seitdem sind Sie als Dirigent unterwegs, geben Erfahrungen bei Meisterkursen weiter oder widmen sich der Juroren-Tätigkeit. Welche konkreten Pläne stehen für 2009 schon in Ihrem Terminkalender?

Da halte ich es einfach mit der Aussage in meiner Biografie, dass es mein Altersprivileg jetzt ist, auch Tage in meinem Kalender freihalten zu können. Ich war in den vergangenen Jahrzehnten so viel unterwegs und stand damit nahezu ständig unter Spannung, dass ich selten ganz abschalten konnte und zur Ruhe kam. Die Ruhe und das Abschalten leiste ich mir jetzt. Zunächst wird, wie das für Sachsen Tradition ist, richtig gemütlich in Familie zu Hause Weihnachten gefeiert. Und mit nunmehr acht Enkeln gibt es da sicher viel Spaß. Dann beginnt das nächste Jahr mit einem längeren Aufenthalt im Warmen, in unserem Ferien­domizil auf den Kapverden.

Ab März stehen monatlich  ein bis zwei Termine im Kalender. So leite ich beispielsweise im März eine Meisterklasse in Stuttgart und dirigiere in Prag den „Judas Maccabäus“ von Händel. Weitere, schon jetzt geplante Dirigate sind u. a. in Hamburg Haydns „Schöpfung“ und im April in Zürich das Oratorium „Elias“ von Mendels­sohn-Bartholdy. Im Sommer habe ich ein Chor­semi­nar beim Schleswig- Holstein Festival zugesagt. Sie sehen, ich setze mich keinesfalls hier am geliebten Elbhang ganz zur Rentner-Ruhe, aber ich gönne mir und meiner Familie jetzt einfach mehr Zeit.

Herzlichen Dank, Herr Professor Schreier, für dieses Gespräch und  viel Freude bei Ihren weiteren künst­lerischen Aktivitäten, aber auch bei Ihrem schöpferischen Ausruhen.

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