„Mutter Häsel“ und ihre Osterlämmer

„Diese Frau in Trai­nings­hosen mit zerschwielten Arbeitshänden und sonnengebräuntem Gesicht dürfte in ihrer Art in Dresden und überhaupt in ganz Deutschland einzig dastehen.“

„Mutter Häsel“  Foto: Gabriele Sonntag

„Mutter Häsel“
Foto: Gabriele Sonntag

Gewiss erinnern sich noch ältere Loschwitzer an die niedlichen kleinen Lämmer der Ostfriesischen Milchschafe, welche einst dorfseitig vom Pappelwäldchen gehalten wurden. Auch Hühner und Angorakaninchen, ein Hund, Ziegen sowie ein stattlicher Ziegenbock mit Deck­erlaubnis und deftigem Artgeruch gehörten seinerzeit zur Selbstversorgungswirtschaft jener fleißigen, praktischen Frau, die man bequem Frau Fudrun, auch Schafstante oder liebevoll „Mutter Häsel“ nannte.Korrekt hieß sie Erna Olga Fruhtrunk (1896 – 1975) und war im Jahre 1936 nach Loschwitz gekommen. Hier ermietete sie sich von den Erben des Baugewerken August Hilbert dessen ehemaligen Werkplatz und lebte fortan und bis zu ihrem Tode in der Albertallee (jetzt Fidelio-F.-Finke-Straße) 16, visavis der Schillerschule.

Erna Olga Fruhtrunk, wie viele sie noch kennen. Foto: Archiv Matz Griebel

Erna Olga Fruhtrunk, wie viele sie noch kennen.
Foto: Archiv Matz Griebel

Als Domizil diente ein ebenerdiger Holzbau, dessen Unterteilung in Wohn-, Wirtschafts- und Stallbereich nicht genau nachvollziehbar schien. Immerhin, so konnte man oft hören, gab es darin auch ein Klavier. Das Futter für die Tiere lieferten die Elbwiesen, auf denen man die Frau ebenso wie am Damm zur Albertallee kräftig mit Sense, Rechen oder Gabel hantieren sehen konnte. Feldfrüchte, Obst und Gemüse lieferte der akkurat bestellte Garten des Anwesens, der nicht fehlende Misthaufen spendete reichlich Dünger. Die „Dresdner Nachrichten“ vom 9. Juli 1939 bringen einen Bericht über Erna Fruhtrunk, in dem es u. a. heißt:

„Diese Frau in Trai­nings­hosen mit zerschwielten Arbeitshänden und sonnengebräuntem Gesicht dürfte in ihrer Art in Dresden und überhaupt in ganz Deutschland einzig dastehen.“ Auch bestaunt der Reporter einen ganzen Raum voller dicker, weicher Schafsfelle für den Verkauf und rühmt die wohlschmeckende Schafsmilch, welche wegen des hohen Fett- und Lezithingehaltes vom Johannstädter Krankenhaus sowie den Sanatorien der Umgegend gern abgenommen wird. Für diese Reportage „schießt“ die Lichtbildnerin Gabriele Sonntag aus Blasewitz eine ganze Serie Momentaufnahmen, die sich glücklicherweise erhalten haben.

In ihrer Jugend war sie Schauspielerin. Foto: Archiv Matz Griebel

In ihrer Jugend war sie Schauspielerin.
Foto: Archiv Matz Griebel

Auch in der DDR-Zeit bekommt „Mutter Häsel“ Besuch von der Zeitung: Das „Sächsische Tageblatt“ berichtet in seiner Osterausgabe 1958 über das rastlose Schaffen der nun zweiundsechzigjährigen Schafzüchterin, aber auch über deren Kümmernis bezüglich der Futterlage, zumal die Graupaer Forstverwaltung auf bisherigen Futterflächen eine Pappelbepflanzung vorgesehen hat. Aufschlussreich jedoch sind in diesem Artikel Angaben zur Vita von Erna Fruhtrunk. Man erfährt, dass sie vor ihrer Loschwitzer Zeit den Beruf einer Innenarchitektin und Kunstgewerblerin ausübte und auch als Sportlerin einen Namen hatte: Sie gewann einige Motorrad- und Autorennen und soll erste Dresdner Kunstspringerin und Eiskunstläuferin gewesen sein.

Sie war eine begeisterte Motorradfahrerin. Foto: Ludwig Reimann

Sie war eine begeisterte Motorradfahrerin.
Foto: Ludwig Reimann

Auch für die Bühne wird die junge Erna Eiselt gearbeitet haben: Ihr Konterfei in Kostüm beschriftet sie 1917 rückseitig: „Mein lieber Strolch, …durch das Theater bin ich eben immer sehr in Anspruch genommen…“. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist „der liebe Strolch“ ihr späterer Ehemann Herbert Fruhtrunk, der in den Adressbüchern der Zwanziger Jahre und noch 1936 in Dresden, dann in Loschwitz, Albertallee 16 als „Kunstmaler“ (mit Atelier auf der Blasewitzer Straße 68) nachgewiesen ist. An ihn fehlt dem Schreiber dieser Zeilen jede Erinnerung, nicht aber an „Mutter Häsel“.

Die „Schafstante“ mit ihrer Herde  Foto: Gabriele Sonntag

Die „Schafstante“ mit ihrer Herde
Foto: Gabriele Sonntag

Sie wirtschaftete wie eh und je auf ihrem Areal, und als ich 1965 ins Fährgut gezogen war, begegneten wir uns über ein gutes Jahrzehnt oft am Wiesenweg oder „im Dorfe“. Tatkräftig unterstützt wurde die nun alternde, aber immer noch rastlos tätige Frau von ihrem Peter, den sie aufgenommen hatte. Auch er lebte nur für seine Arbeit und sorgte darüber hinaus für Ordnung im Pappelwäldchen, betreute die Weidenbepflanzung und befreite die Elbwiesen von angeschwemmtem Unrat.

Ab und zu zogen sich beide picobello an und dann ging Peter mit „der Guten“, wie er stets sagte, in den Wintergarten des „Elbe-Hotel“ speisen. Im Spätsommer 1975 ist Erna Fruhtrunk einundachtzigjährig gestorben, ihre Urne wurde auf dem Friedhof Striesen beigesetzt. Peter wandte sich in ein Heim nach Moritzburg, wo er sich verheiratete.

Die „Schafstante“ beim Heutragen. Foto: Gabriele Sonntag

Die „Schafstante“ beim Heutragen.
Foto: Gabriele Sonntag

Nun, da „Mutter Häsel“ und ihre Osterlämmer nurmehr Erinnerung sind, möge auch diese Episode einmal aufgeschrieben sein.

Matz Griebel

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Veröffentlicht unter Artikel aus der Print-Ausgabe, Porträt
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