Im „Ratskeller“ am Körnerplatz aufgewachsen

Ein Loschwitzer Urgestein, die erste Leiterin des „Bräustüb’l“ nach dem Krieg und langjährige Verkäuferin bei „Zschornak“, Roselotte Rosig, wird im November 80 Jahre.

Roselotte Rosig, geb. Schlutter zwischen ihrer Schwester Christa (rechts) und ihrer langjährigen Freundin Annelies Götz, geb. Woog, um 2010 Foto: Sammlung Götz

Roselotte Rosig, geb. Schlutter zwischen ihrer Schwester Christa (rechts) und ihrer langjährigen Freundin Annelies Götz, geb. Woog, um 2010
Foto: Sammlung Götz

„Machen Sie ja kein großes Brimborium daraus“, sagt Roselotte Rosig mehrmals, als wir uns in ihrer Wohnung zu einem Gespräch über ihr achtzigjähriges Leben treffen. Sie will bescheiden bleiben und freut sich dennoch, dass wir uns für ihre Geschichte interessieren. Vor allem ist ihr die Zeit um 1945 wichtig, über die bald niemand mehr erzählen kann und die für sie bedeutsam war. Sie will auch an den alten „Ratskeller“ erinnern, um den sie trauert und es überhaupt nicht verstehen kann, warum dafür dieser heutige „Turm“ gebaut wurde.

Roselotte Rosig, geb. Schlutter zwischen ihrer Schwester Christa (rechts) und ihrer langjährigen Freundin Annelies Götz, geb. Woog, um 1943  Foto: Sammlung Götz

Roselotte Rosig, geb. Schlutter zwischen ihrer Schwester Christa (rechts) und ihrer langjährigen Freundin Annelies Götz, geb. Woog, um 1943
Foto: Sammlung Götz

Roselotte Schlutter wurde 1930 in Loschwitz geboren und wuchs am Körnerplatz, in einer Wohnung über dem ehemaligen Restaurant „Ratskeller“ auf. Sie besuchte von 1937 bis 1945 die Losch­witzer Schule und spielte mit Nachbarskindern, aber auch mit Kindern aus Köln und Hamburg, die nach Angriffen auf diese Städte in Dresden untergebracht waren und im „Ratskeller“ beköstigt wurden. Der damalige Chef, Herr Lange, war ein getreuer Nationalsozialist, und sie sah auch die ausländischen Zwangsarbeiter im „Ratskeller “ arbeiten. Ein Erlebnis blieb ihr in Erinnerung, als eine Hilfskraft, die sich geweigert hatte, die Toiletten sauber zu machen, abgeholt und ins Arbeitslager (Ravensbrück) verschleppt wurde.

Der Körnerplatz mit dem „Bräustüb’l“ (rechts) in den 1950er Jahren. Foto: Margarete Schumann/Sammlung Rosig

Der Körnerplatz mit dem „Bräustüb’l“ (rechts) in den 1950er Jahren.
Foto: Margarete Schumann/Sammlung Rosig

Beim Angriff 1945 auf Dresden löschte ihre Mutter mit zufällig vorbeikommenden Soldaten sieben Brandbomben im „Ratskeller“. Die Mauer zur Standseilbahn hinterm Haus glühte und vom brennenden „Burgberg“ flogen die Scheiben. Dann kamen die vielen Flüchtlinge, die im Saal, der vor Kriegsende noch als Fernmeldeamt gedient hatte, auf Strohsäcken schliefen. Als die Flüchtlinge weitergezogen waren, nutzte den Saal der Tannhäuser-Chor für seine Proben. Nur an diesem Tag wurde der Raum mit einer Art Presskohle geheizt. Im „Ratskeller“ begann sie 1945 auch ihre Lehre als Köchin. Der neue Chef, Herr Liebscher, versuchte das Mögliche, und durch seine Russischkenntnisse und seine Vorgeschichte als Kommunist konnte er einige Zugeständnisse erreichen. Das Angebot blieb aber bescheiden: So gab es pikante Nierchen mit in Wasser gekochtem Haferbrei, und für eine 25-Gramm-Nährmittelmarke plus 60 Pfennige bekam der Gast Haferbrei mit einem dicken Punschsaft. Kartoffeln gab es nur, wenn sie mitgebracht wurden und dann anfallende Kartoffelschalen wurden von den Anwohnern, auch von einem Herrn Professor, gerne abgeholt, um sich Suppe daraus zu kochen. Auf der Weinkarte stand in den ersten Jahren nur „Alkolat“, eine Art Wermut mit „durchschlagendem“ Erfolg.

Die Chefin des „Bräustüb’l“, Roselotte Schlutter, mit einem Gast am alten Eingang unterhalb der ehemaligen Terrasse, 1948/49. Foto: Sammlung Rosig

Die Chefin des „Bräustüb’l“, Roselotte Schlutter, mit einem Gast am alten Eingang unterhalb der ehemaligen Terrasse, 1948/49.
Foto: Sammlung Rosig

1948 beendete Roselotte Schlutter ihre Lehre und hätte in Dresden keine Aussicht gehabt, eine Anstellung zu finden. Die Sächsische Hotel- und Gaststättengesellschaft bot ihr aber an, das „Bräustüb’l“ gleich neben dem „Ratskeller“, das bis zu dieser Zeit als Konsum genutzt wurde, zu führen. Nach einer kurzen Zeit als Verkaufsstelle richtete die Gesellschaft Ende 1948 eine kleine Gastronomie mit Bierausschank ein. Als besonderes Angebot wurde „Bohnenkaffee“ mit Milch und Zucker für 1 DM angepriesen und Zigaretten wurden verkauft. Der kleine Raum ließ nur Stehtische zu und das Essen kam aus der Küche des „Ratskellers“.

Roselotte Schlutter mit dem alten Ratskeller-Wirt, Herrn Liebscher (links) und dem Oberkellner Junke, um 1948. Foto: Sammlung Rosig

Roselotte Schlutter mit dem alten Ratskeller-Wirt, Herrn Liebscher (links) und dem Oberkellner Junke, um 1948.
Foto: Sammlung Rosig

Bis 1950 blieb sie im „Bräu­stüb’l“, das bald nur noch „Ritze“ oder „Genickschussdiele“ genannt wurde. Dann fand sie Anstellung im „Genesungsheim Wehlen“, bevor sie 1952 ins „Italienische Dörfchen“ wechselte, wo sie 21 Jahre blieb. 1970 heiratete sie ihren Schulfreund Helmut Rosig, Sohn des Loschwitzer Gartenbaumeisters und sie zogen auf die Pillnitzer Landstraße 24. 1973 wurde sie dann Verkäuferin in der Fischhandlung Zschornak (siehe EHK 1/1996; 4/2010) wieder am Körnerplatz, und viele Loschwitzer werden sie von dort noch kennen. Als das Geschäft 1992 schloss, half Frau Rosig noch bis 1996 in der neuen Filiale Borsbergstraße  aus, bevor sie regulär Rentnerin wurde.

Am 6. November feiert Roselotte Rosig nun ihren 80. Geburtstag. Die Redaktion des Elbhang-Kuriers gratuliert ihr ganz herzlich.

Titelfoto: Sammlung Rosig

Titelfoto: Sammlung Rosig

Zum Titelfoto:

Der Vater von Roselotte Rosig, Alfred Schlutter (1902 – 1973), zog mit seiner Familie 1934 in den „Ratskeller“ und bekam nach dem Krieg Arbeit bei den Verkehrsbetrieben. Erst betreute er als Schaffner die Standseil- und Schwebebahn, bevor er Schaffner in den O-Bussen wurde. Sie waren zu dieser Zeit der Stolz der Verkehrsbetriebe, und mit neuem Anhänger, Fahrer und Schaffner wurde um 1950 dieses Foto am Körnerplatz aufgenommen.  Zu beachten ist der damals noch gebräuchliche „Pendel-Winker“ für die Richtungsanzeige. Der Bus wurde seinerzeit in den Fahrzeugwerken Schumann/Werdau gebaut.

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Fahrer mit Goliath-Dreirad bei der Auslieferung in der Blasewitzer Hochuferstraße, um 1930. Foto: Dr. Georg Jäkel

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