Ich habe das Ding einfach „Schwebebahn“ getauft…

Zum 110. Geburtstag der Loschwitzer Bergschwebebahn

Eugen Langen, der Bruder meiner Ur-Urgroßmutter Em­­ma Langen, konstruierte die Schwebebahnen in Losch­­witz und in Wuppertal und war an vielen weiteren Erfindungen beteiligt.

Hermine Schleicher und Eugen Langen, um 1880.  Foto: Buch „Kölner Wirtschaftbürger im Deutschen Reich“

Hermine Schleicher und Eugen Langen, um 1880.
Foto: Buch „Kölner Wirtschaftbürger im Deutschen Reich“

Gedanken an meinen Ururgroßonkel

Vor 110 Jahren wurde am 6. Mai 1901 die Dresdner Schwe­bebahn im Beisein des Sächsischen Kronprinzen eröffnet und schweb­te erstmals von der Pillnitzer Landstraße hinauf zum Ortsteil Schöne Aussicht. Nur wenige Wochen zuvor – am 1. März 1901 – war ihre „größere Schwester“, die Wuppertaler Schwe­bebahn in Betrieb gegangen. Die an sich nicht ganz korrekte Be­zeichnung Schwebebahn stammt vom Erfinder CARL EUGEN LANGEN selbst, der schreibt: „Ein System der hängenden Wagen. Ich habe das Ding einfach Schwebebahn getauft.“

1893 nach dem Patenterwerb für eine „Hochbahn mit freischwebenden hängenden Personenwagen“ entstand zunächst eine Versuchsstrecke auf dem Werksgelände des Freundes Julius van der Zypen in Köln-Deutz. Nach erfolgreicher Erprobung bot Eugen Langen das spektakuläre Fortbewegungsmittel den Städten Wien, Berlin und Hamburg an, die sich aber nicht überzeugen ließen und ablehnten.
Als einzige Stadt entschied sich 1894 Wuppertal (damals noch die drei selbstständigen Städte Barmen, Elberfeld, Vohwinkel) für den Bau einer Schwebebahn. 1898 begann der Bau. Die erste und älteste Bergschwebebahn der Welt (!), deren Anlage bis heute in Betrieb ist, fährt aber im beschaulichen Loschwitz.

Der geniale Erfinder dieses Wahrzeichens, CARL EUGEN LANGEN stammte aus Köln. Er wurde dort als Sohn des Zuckerfabrikanten Johann Jacob Langen am 9. Oktober 1833 geboren und starb am 2. Oktober 1895 bei Elsdorf an den Folgen einer Fischvergiftung, die er sich bei der Einweihungsfeier des Nord-Ostsee-Kanals zugezogen hatte. So sehr alt ist er also gar nicht geworden und die Eröffnung seiner Schwebebahnen hat er gar nicht mehr miterlebt. Begraben liegt er auf dem Melaten-Friedhof in Köln. Eugen Langen war ein erfolgreicher, vielseitig begabter Unternehmer, Erfinder und Ingenieur, der an vielen technischen Projekten seiner Zeit entscheidend mitgewirkt oder Einfluss genommen hat.

Patent auf „Würfelzucker“

1857 stieg er nach einer fundierten technischen Ausbildung, u. a. am renommierten Polytechnikum in Karlsruhe in die väterliche Zuckerfabrik „J. J. Langen & Söhne“ ein. Er leitete die bis heute als Familienunternehmen bestehende Firma (seit 1870 als „Pfeifer & Langen“) und führte seinerzeit modernste Produktionsmethoden auf der Basis von Rübenzucker ein, die die Zuckerherstellung vom Rübenanbau bis zur Herstellung von Weißzucker in einem Werk bündelte.

Von 1860 bis 1875 kümmerte sich Eugen Langen um den gesamten Prozess des Erfindens, Erprobens und Einrichtens technischer Neuerungen in seiner Firma. 1874 wurde das Patent auf das Würfelzuckerverfahren erteilt, das er zu produktionstechnischer Verwertung gebracht hatte. Bis in die 1880er Jahre war für Eugen Langen die Zucker­fabrik das Zentrum all seiner Aktivitäten und Erfindungen, die vor allem der Verbesserung der Zuckerproduktion dienten.

Auf dem Versuchsgelände in Köln-Deutz (hinten links der Kölner Dom) war das „schwebende Fahrrad“ 1894 eine Attraktion.  Foto: aus dem Buch „Die Wuppertaler Schwebebahn“.

Auf dem Versuchsgelände in Köln-Deutz (hinten links der Kölner Dom) war das „schwebende Fahrrad“ 1894 eine Attraktion.
Foto: aus dem Buch „Die Wuppertaler Schwebebahn“.

Gasmotoren von Deutz

Aber nebenher nahm er regen Anteil an den Erfindungen der Zeitgenossen, mit denen er ja auch beruflich zu tun hatte. Durch die Gründung einer eigenen Ma­schinenfabrik (Langen & Hundhausen), die den Maschinenbau speziell für die Zuckerfabrik liefern sollte, ergab sich eine Zusammenarbeit mit der Gasmotorenfabrik in Deutz. Er lernte NIKOLAUS AUGUST OTTO kennen, der an der Verbesserung des von Etiènne Lenoir erfundenen „atmosphärischen Gasmotors“ arbeitete. Langen, der die Bedeutung dieses Vorhabens erkannte, stieg in die Entwicklung des Gasmotors ein. Bei der Gründung der gemeinsamen Firma „N. A. Otto & Cie.“ 1864 war Langen der Geldgeber und warb außerdem weitere Finanziers an. Zudem hatte er entscheidenden Anteil an der Entwicklung des Gasmotors.

1867 auf der Pariser Weltausstellung präsentierten Otto und Langen ihre Erfindung und erhielten eine Goldmedaille für die beste Gasmaschine der Welt. Zwar ging die erste gemeinsame Firma in Konkurs, aber es gab eine Neugründung durch Eugen Langen und es entstand die „Gasmotorenfabrik Deutz“, die heutige Deutz AG. Langen übernahm die Schulden von Otto und verpflichtete zum erfolgreichen Neustart die Mechaniker Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach. Nun waren beste Voraussetzungen geschaffen, erfolgreich an der Verwirklichung des Viertaktmotors zu arbeiten.

Der Otto-Motor hat, wie wir heute wissen, die Welt verändert wie kaum eine andere Erfindung, und Eugen Langen hat daran einen maßgeblichen Anteil. Dass er sich nicht als vollständiger Teilhaber in der Gasmotorenfabrik einbringen konnte, liegt an den zwingenden Regelungen, die ihn an die Zuckerfabrik banden. Aber die hier erwirtschafteten Gewinne hat er in großem Maße in die Gasmotorenfabrik eingebracht. Eine ähnliche Zusammenarbeit mit Rudolf Diesel an dessen Erfindung eines eigenen Motors oder der Daimler Motorengesellschaft lehnte Langen wegen fehlender Patenterteilung bzw. persönlicher Differenzen ab.

Eugen Langens vielseitige technische Interessen und Unternehmungen können hier nicht alle aufgezeigt werden. Sicher verleiteten sie ihn gelegentlich dazu, sich zu übernehmen. Er unterstützte und förderte die Brüder Mannesmann bei der Herstellung nahtloser Röhren den Hoerder Bergwerks- und Hüttenverein bei Dortmund, die Schukertwerke in Nürnberg. Zudem gründete er mehrere mittlere und kleinere Firmen sowie weltweit Niederlassungen des Gas­moto­ren­werks.

Seiner zweiten Ehefrau Hermine Schleicher (die erste Frau Henriette Thurneysen war mit ihrem 10. (!) Kind bei dessen Geburt gestorben) musste er 1873 versprechen, „nichts Neues mehr anzufangen, bevor nicht die Produktion von weißem Zucker aus Rüben und die Herstellung von Gasmotoren kaufmännisch ein Erfolg geworden seien.“ Ein verständlicher Wunsch, immerhin war die Familie stattlich: 13 überlebende Kinder aus zwei Ehen und eine großzügige Haushaltführung und Gastlichkeit sowie gesellschaftliche Aufgaben verpflichteten den Hausherrn auch außerhalb der Produktionsstätten.

Die Loschwitzer Schwebebahn um 1930. Foto: Paul Wolff (Archiv Landsamt für Denkmalpflege Sachsen)

Die Loschwitzer Schwebebahn um 1930.
Foto: Paul Wolff (Archiv Landsamt für Denkmalpflege Sachsen)

„Langenscher Familienverband“

Eugen Langen nahm keine neuen Projekte mehr in Angriff und schränkte die Aktivitäten in der Firma ein, wenngleich er bis zu seinem Tode ein neugieriger, interessierter Mensch blieb. Anlässlich eines aller zwei Jahre stattfindenden Familientages des „Langenscher Familienverband e. V. Köln“ in Meißen 2006 besuchten etliche Mitglieder auch die Dresdner Schwebebahn, als an der Talstation eine Gedenktafel für den berühmten Ahnen angebracht wurde. Ein Mitglied des Familienverbandes begrüßte alle Teilnehmer und hielt eine kurze Rede, aus der hier zum Schluss wenige Sätze wiedergegeben werden: „Eugen Langen trug Verantwortung für die Gesellschaft ebenso wie auch für seine Familie. Durch seine Liebenswürdigkeit gegenüber Kontrahenten gelang es ihm oft, auch schwierige Verhandlungen zum Erfolg zu führen. Mit dem Verein Deutscher Ingenieure (VDI), dessen Vorsitzender er in den Jahren 1873 und 1880 war, erwirkte er das erste einheitliche Deutsche Patentgesetz sowie ein Haftpflichtgesetz zum Schutz der Arbeitenden gegen Gefahren für Leben und Gesundheit. In der Evangelischen Kirche war Eugen Langen Mitbegründer des Kölner Arbeitervereins zur Unterstützung sozial schwacher Bevölkerungsschichten. Auch förderte er den Bau neuer Kirchen in Köln und Elsdorf bei Köln.

Für uns, seine Nachkommen, bleibt er ein großes Vorbild. Wir freuen uns, dass auch eine Gedenktafel die Besucher der Bergschwebebahn hier in Dresden-Loschwitz an diesen Erfinder und Ingenieur erinnert.“

Anka Krüger

Quellen: Kurt Schnöring: „Die Wuppertaler Schwebebahn“, Wartberg-Verlag, 2001; Gabriele Oepen-Domschky: „Kölner Wirtschaftsbürger im Deutschen Kaiserreich“, Köln 2003; Nachrichtenblatt Langenscher Fami­lienverband e. V., Köln, 2006

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Fahrer mit Goliath-Dreirad bei der Auslieferung in der Blasewitzer Hochuferstraße, um 1930. Foto: Dr. Georg Jäkel

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