Buch Dresden 1951 – 2006

Leseprobe: „So feurig sind Sie doch gar nicht!“

Zwei Bänke

In der Schillerstraße, so im ersten Sechstel dieser langen Straße, stand eine Bank. Keine Geldbank, sondern eine zum Ausruhen. Viele ältere Leute nutzten diesen Bank, um mit ihren schweren Einkaufsnetzen aus Dederon eine Pause zu machen und die müden Knochen auszuruhen.

Michael Schwalbe: „So feurig sind Sie doch gar nicht!“ – Vom Dresdner Elbhang in die Welt HochlandVerlag Pappritz

Michael Schwalbe: „So feurig sind Sie doch gar nicht!“ – Vom Dresdner Elbhang in die Welt
HochlandVerlag Pappritz

Müde Knochen hatten damals viele Menschen, nach den Jahren des Krieges und der Entbehrungen. Ich erinnere mich noch gut an die unterschiedlichsten äußeren Zeichen von Verstümmelung und Krankheit. Nichts ungewöhnliches war der Anblick von Männern mit nur einem Arm oder einem Bein. Die, denen beide Beine fehlten, halfen sich meist mit einem selbstgebauten Brett mit vier Rädern von einem Kinderwagen, um sich etwas auf der Straße bewegen zu können. Dazu trugen sie lederne zerschlissene Handschuhe, mit denen sie sich vom Pflaster des Fußweges oder der Straße abstoßen konnten. Gebremst wurde mit einem dicken kurzen Stock, der kraftvoll zwischen ein Vorderrad und das Sitzbrett gedrückt wurde.

Auf dem Körnerplatz begegnete mir oft eine Frau in einem schwarzen Kleid unter einem ebenfalls schwarzen dünnen Mantel beim Einkaufen. Sie konnte schlecht oder fast nichts mehr hören und hatte ein mattsilbrig-metallenes, leicht gebogenes Hörrohr an einer Schnur um ihren Hals hängen. Sobald sie in einem Geschäft etwas zur Verkäuferin sagte, steckte sie auch gleich das dünne Ende des Hörrohrs mit dem schwarzen Aufsatz aus Bakelit ins Ohr, um die Antwort zu verstehen. Diese Schicksale haben mich sehr betroffen gemacht und ich war froh, dass es meine Eltern mit keiner Krankheit oder Verletzung erwischt hatte. Eine zweite Bank zum Verweilen stand an der Schevenstraße. Dort saßen wir Schüler auch gern. Wir beobachteten den nicht vorhandenen Straßenverkehr, trafen Freunde aus den umliegenden Häusern oder tranken eine warme aber sprudelnde Brause mit Waldmeister – oder Himbeergeschmack, die wir bei Renner in der alten Weinpresse kauften. Diese Bank war auch die letzte Möglichkeit auf dem Weg zur Mordgrundbrücke oder zur Wunderlichstraße eine bequeme Verschnaufpause einlegen zu können.

Mit meinem Klassenkameraden U. hatten wir im Vorverkauf zwei Kinokarten für einen amerikanischen Film erstanden. Erstanden ist das richtige Wort, denn die Warteschlange vor dem Kino war beträchtlich. Alle wollten diesen Film mit Doris Day sehen. Ich glaube es war ‚Bettgeflüster’, bin mir aber nicht ganz sicher. Egal, dieser Film kam aus den USA und schon deshalb lohnte es sich hinten anzustellen. Die Leinwand unserer Wahl stand in einem kleinen Kino am Schillerplatz in Blasewitz. Schon 1912 wurde dieser ehemalige Eiskeller in ein Stummfilmkino umgebaut und seit 1920 trug es den schönen Namen Schillergarten-Lichtspiele. Wir hatten Glück, denn nach uns waren die Karten ausverkauft. Die vielen Menschen mit den enttäuschten Gesichtern die in der Schlange hinter uns standen, taten uns zwar leid, aber wer zu spät kommt…

Inzwischen war es schon fast dunkel geworden als wir, durch den lustigen Film mit besonders guter Laune versorgt, das Kino wieder verließen. Auf dem Nachhauseweg über das Blaue Wunder machten wir Zielspucken auf eine unter der Brücke durchfahrenden tiefschwarzen Zille aus der Tschechoslowakei. Durch den kräftigen Seitenwind flatterten unsere Fahnen aber meist in eine andere Richtung als von uns beabsichtigt und landeten auch schon mal weit von uns entfernt wieder auf der Brücke oder aber am Ufer in Loschwitz oder in Blasewitz. Unsere Zille verschwand im Dunkeln und eine andere war nicht in Sicht, und so schlenderten wir langsam zum Körnerplatz und die Schillerstraße hinauf. Da war sie plötzlich vor uns: die erste der beiden Bänke zum Ausruhen. Sie stand, das heißt sie steht ja auch jetzt noch, vor einer Sandsteinmauer an der Stelle, wo sich anschließend der Fußweg um etwas mehr als die Bankbreite verengt. Wir blieben stehen und lästerten fast gleichzeitig über die Textzeile, die auf dem braun gestrichenen Holz der Lehne in weißen Buchstaben geschrieben stand: „Gestiftet von der Nationalen Front.“

Michael Schwalbe

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