„Ich habe Dresden nie verlassen“

Der Sänger René Pape über seinen Sehnsuchtsort Hosterwitz und das Wagner-Programm

Von diesem Ort hat er als Kind nicht geträumt. Er hatte nur eine Ahnung davon. Als Kruzianer sang er in Pillnitz, aber dass er einmal ganz in der Nähe neben dem Schloss wohnen sollte, das war unvorstellbar. Jetzt wohnt er hier. Vor den großen Fenstern der Villa in Hosterwitz zieht die Elbe ihre Bahn. Sonne wärmt die Räume.

René Pape „beschirmt“ das Elbhangfest – hoffentlich bei dann gutem Wetter. Foto: Amac Garbe

René Pape „beschirmt“ das Elbhangfest – hoffentlich bei dann gutem Wetter.
Foto: Amac Garbe

Und dann schaufelt sich wie bestellt auch noch ein Dampfer in Richtung Pirna. Es sieht so aus, als würde er durch die Wiese pflügen. René Pape genießt das. Der Sänger genießt jede einzelne Stunde in seinem Haus. Doch es gibt nicht viele Dresdner Stunden in seinem Leben. Sein Jahr setzt sich nicht aus Achtstunden-Werktagen plus Wohnzimmer-Feierabend zusammen, sondern aus Partituren, Proben und Auftritten in Berlin, München, Salzburg, Wien, London, Paris, Mailand und New York. Und aus Abflugzeiten. „Das ist verdammt anstrengend“, sagt der große Mann, der locker als Möbelpacker durchgeht. Ankunft kennt der 49-Jährige nicht. Er gesteht vielmehr, dass er gern ankommen würde. Endgültig ankommen in Hosterwitz, in seinem Haus. Das  muss René Pape, der 1964 hier geboren wurde, nicht sagen. Er sagt nur: „Ich habe Dresden nie verlassen.“

Dresdner werden Dresden nicht los. Und doch ging er, war aber immer stark rückfallgefährdet. Schließlich wuchs er in der Elbestadt auf und bekam von seiner Großmutter die tägliche Sehnsuchtsdosis Heimat. Sie war es auch, die ihn an die Musik heranführte. Seine Eltern ließen sich scheiden, als er zwei Jahre alt war, die Mutter Friseurin, der Vater Koch. Doch mit der Oma ging er in den Kulturpalast oder die Kreuzkirche, wo er Kirchenmusik hörte, wo er den Kreuzchor sah. „Mir gefiel das, wie die Jungs da standen und sangen. Es war nur ein gutes Gefühl, ich wollte mehr davon“, sagt er und begann damals irgendwann zu singen. An den Wochenenden wanderte er mit der Familie durch die Sächsische Schweiz. „Ich war kein Boofer und nicht sonderlich begeistert von den Ausflügen, aber diese romantische Landschaft prägte schon irgendwie. Heimat ist, wo man aufwächst“, sagt René Pape. Er sang weiter, kam in den Kreuzchor, flog in der zehnten Klasse aus der Schule. „Ich entwickelte mich nicht wie gewünscht zur sozialistischen Persönlichkeit“, sagt René Pape. Doch er konnte auch ohne Abitur Musik studieren an der Dresdner Musikhochschule, denn er hatte eine Stimme, die ihn auszeichnete und die ihn zu retten schien vor den Unbedachtheiten eines pubertierenden Jungen, dem kollektiver Drill schwer auf die Nerven ging. „Mir war schon klar, dass ich viel Glück hatte“, sagt der Sänger. In solchen Fällen spricht man davon, dass der liebe Gott einen in den Hals gespuckt hat. Aber das allein macht noch keine Weltkarriere, damit allein wird man nicht zum „Atlas unter den Bässen“ (FAZ).

„Schirmherr zu sein, ist mir eine große Ehre. Das Elbhangfest finde ich einfach großartig. Wagner und Dresden sind schon lange kein Zufall mehr. Und als mich die Veranstalter fragten, ob ich da etwas machen würde, habe ich sofort zugesagt.“

Zunächst bekam der Dresdner mit 24 Jahren ein festes Engagement an der Oper Unter den Linden in Berlin. Endlich raus aus der Enge, dachte er. Heute sagt er, dass jede Stadt ihre Vorzüge und Nachteile besitzt. Große Städte wie Berlin pulsieren, aber sie wirken oft auch unangenehm gereizt. Genau wie New York. Das sei cool, schnell, offen, aber auch extrem kurzatmig. Die New Yorker verehren den Dresdner wie einen Popstar. Als einziger Deutscher erhielt er in den USA die Auszeichnung „Vocalist of the Year“ und wurde „Mastersinger of The MET“. Wenn er in der Nähe der Metropolitan Opera in ein Restaurant geht, stehen die Gäste auf und klatschen. Das ist New York, aber für immer wohnen möchte er da nicht. Doch das war später. Ende der 1980er Jahre lernte er Berlin als seine neue Welt kennen. Er traf die großen Sänger, die ebenfalls aus Dresden kamen. Theo Adam und Peter Schreier beeindruckten ihn mit ihren künstlerischen Leistungen und mit ihrem DDR-Sonderstatus, der ihnen so viel erlaubte. Adam faszinierte Pape zudem als Grand Senior, später wohnte er fünf Jahre in dessen Berliner Wohnung. Musikalisch interessierte ihn Schreier allerdings mehr. „Tenöre haben so einen herrlichen Schmelz in der Stimme“, sagt der Bass.

In der Ruhe dieser bezaubernden Hosterwitzer Elblandschaft hat der Opernstar René Pape sein Zuhause gefunden Foto: Holger Friebel

In der Ruhe dieser bezaubernden Hosterwitzer Elblandschaft hat der Opernstar René Pape sein Zuhause gefunden
Foto: Holger Friebel

Er heiratete, wurde mit 25 Vater. Da schien er schon mal angekommen. Doch es war das Jahr 1989. Plötzlich öffnete sich die Welt, und er eroberte sie von Berlin aus. Der Dirigent Sir Georg Solti holte den „Black Diamond Bass“ 1991 für die Partie des Sarastro zu den Salzburger Festspielen. Er war der jüngste Bass, der je bei den Festspielen den Sarastro sang. Ein Jahr vorher sang er in London im Covent Garden vor. „Ich war noch niemals dort, ich konnte fast kein Englisch und sang vor. Als ich engagiert wurde, habe ich vor Freude einen Purzelbaum auf der Bühne geschlagen“, sagt Pape. 1991 kam Daniel Barenboim an die Berliner Staatsoper. Ein großes Glück. Pape und Barenboim lernten sich schätzen, wurden Freunde. Der Pianist und Dirigent lehrte den Sänger das Zusammengehen von Klang und Silbe. Insbesondere bei Richard Wagner. Und der Sänger lehrte ihn den Klang einer jungen Bass-Stimme. Der Dresdner begriff schnell, nahm wie immer vieles leicht. „Wer stundenlang Wagner singt, muss sich irgendwie retten, sonst geht er mit Depressionen unter“, sagt Pape. Er hatte und hat Spaß, weil er erfolgreich ist. Und umgekehrt. Vielleicht ist das eines seiner Erfolgsgeheimnisse. „Ich nehme mich nicht so ernst und habe immer versucht, mir den Spaß an der Arbeit zu bewahren“, sagt der zweifache Grammy- und Echopreisträger, an dessen kabarettistische Auftritte während des Studiums sich seine früheren Kommilitonen noch gern erinnern.

Seine Karriere ist atemberaubend. 1994 sang er erstmals in Bayreuth, seit 1995 an der MET, 1997 im Royal Opera House in London, 1998 an der Oper National de Paris. Und immer wieder Wagner. Seine erste Wagner-Partie war die des Nachtwächters in den Meistersingern, immer wieder sang er den Marke aus Tristan, es folgten fast alle anderen Basspartien Wagners. 2001 änderte sich manches. Pape gab in Paris den Phillip in Don Carlo, seine Spielpläne reichten fünf Jahre in die Zukunft, jede Minute getaktet, ausgebucht bis auf die Knochen. „Ich konnte plötzlich nicht mehr, brauchte dringend Ruhe, ging für zwei Wochen in die Klinik. Heute nennt man so etwas Burn­out“, sagt Pape, der zu jenen Menschen gehört, die nicht „Nein!“ sagen konnten und dabei vergaßen, dass sie zwischen Zeitzonen, Premieren und Beifall auch mal eine Pause, einen Ruhepunkt, ein Zuhause brauchen. Spätestens da begann er von einem Ort zu träumen, wo er zu Hause sein, wo er Kraft schöpfen kann, Zeit findet, wo Berge in der Nähe sind und Wasser.

„Wir gestalten einen Wagner-Abend voller Heiterkeit. Diese Seite Wagners ist noch viel zu wenig beleuchtet. Vor allem in den Meistersingern bewies er ja viel Humor. Ich bin selbst gespannt, wie viel Spaß wir aus dem Ring ziehen.“

Er bekam eine Ahnung davon, dass dieser Ort nur in Dresden sein kann. Er ging auf die Suche und fand sein Hosterwitzer Refugium – er kaufte vor sieben Jahren die Villa an der Elbe vom Land Berlin. So gehen Lebensläufe. Zu seinen zwei Söhnen, Konstantin  (23) und Leopold (20), hat er ein wunderbares Verhältnis, sie sehen sich, so oft es geht, wo auch immer sie sind. Im Foyer seines Hauses hängt ein Stich vom sächsischen König August III. und da steht eine Büste Wagners. In den Boden ließ der Sänger Buchstaben einsetzen, die einen Satz ergeben: Zum Raum wird hier die Zeit. So antwortet Gurnemanz Parsifal, als der sagt: „Ich schreite kaum, doch wähn’ ich mich schon weit.“  René Pape ist weit gekommen, aber noch immer nicht da. Dresden kennt ihn noch nicht genug. Er sang bei der Eröffnungsfeier der Frauenkirche, gab den Boris Godunow an der Semperoper, trat mit der Dresdner Philharmonie zu Beethovens Schicksalssinfonie im Kulturpalast auf, wird dieses Jahr mit den Kruzianern auftreten und kommendes Jahr in der Elektra in der Semperoper. Warum im Jahr des 200. Geburtstags von Richard Wagner an der Dresdner Oper so wenig von dem Komponisten gespielt wird, kann er nicht verstehen. Die Opernhäuser der obersten deutschen Liga stünden in München und Berlin, aber leider noch nicht in Dresden. Obwohl Sachsen das Potential hätte. „Dabei ist ein erfolgreiches Opernhaus der Garant für eine florierende wirtschaftliche Entwicklung. Wer hier am Anspruch, wer an der Qualität spart, der spart die Zukunft kaputt“, sagt René Pape plötzlich sehr ernst und weiß zugleich, dass der Prophet im eigenen Land nichts gilt, besonders nicht in Sachsen. Den Spaß lässt er sich dennoch nicht nehmen.

Draußen vor den offenen Fenstern zwitschern die Vögel, in der Ecke des Zimmers liegen seine zwei Dackel. Der eine heißt Wotan, der andere Loki, ein Gott aus der nordischen Mythologie. Natürlich taucht der auch bei Richard Wagner auf. Pape kommt immer wieder auf ihn zurück, den Komponisten, der die längste Zeit seines Lebens in Dresden verbrachte, der hier zum großen Opernkomponisten wurde, die Stadt liebte und hasste und am Ende auf die Barrikaden ging, bis er per Steckbrief gesucht wurde und nach Bayern flüchtete. Ruhe fand er nur an der Elbe, wenn er mit seiner Frau und dem Hund spazieren ging.

Peter Ufer


Elbhangfest-Tipp: Der sächsische Ring

Zum Elbhangfest wird René Pape gemeinsam mit Tom Pauls in Pillnitz auf die Festbühne gehen und einen „Sächsischen Ring“ interpretieren.

Sonnabend, 29. Juni 2013, 21 Uhr
Bühne Bergpalais

„Der sächsische Ring“ – mit René Pape und Tom Pauls

„Der sächsische Ring“ – mit René Pape und Tom Pauls

Es ist überliefert, dass Richard Wagner seinen Jüngern den „Ring des Nibelungen“ in seiner sächsischen Muttersprache vortrug. Tom Pauls lässt sich davon inspirieren. Er parodiert, transponiert und trivialisiert das Werk des großen Meisters. Für diesen Spaß konnte sich auch der bedeutende Wagner-Interpret, Opern-Star von Weltrang und gebürtige Dresdner René Pape begeistern und wird sich an diesem Abend von bisher unbekannter Seite zeigen. Musikalisch begleitet wird das Programm von einem Ensemble aus 17 Mitgliedern der Sächsischen Staatskapelle Dresden, die ebenfalls für jeden Spaß zu haben sind.

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Veröffentlicht unter Artikel aus der Print-Ausgabe, Der Elbhang-Kurier, Elbhangfest, Musik, Porträt
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