Ergänzungen zum Artikel Richard Müller „Genie zwischen Licht und Schatten“

Faksimile des Gerichtsurteils von 1949 / Auszug eine Briefes an seine verstorbene Frau

Faksimile des Gerichtsurteils


Deshalb sind sie hier, um sich zu verantworten – Gedanken von Richard Müller nach dem Tod seiner Frau Lillian Sanderson

„Lillian Sanderson wurde 1899 auf einer Konzertreise durch ein Plakat auf die Kunstausstellung in Dresden aufmerksam. Für die darstellende Kunst im gleichen Maße wie für die Musik interessiert, besuchte sie die Ausstellung und dabei fanden meine Arbeiten ihren besonderen Beifall. Damals erwarb sie eine Zeichnung von mir „Weiblicher Studienkopf“ und sandte ihn ihrer Mutter nach Amerika. Eines Tages erhielt ich von Lillian Sanderson aus Wien einen Brief in dem sie den Wunsch aussprach, sich von mir für ihre Konzerte zeichnen zu lassen.

Unschlüssig, ob ich diesen Auftrag annehmen sollte, wandte ich mich um Rat an den Generaldirektor Herrn von Seydlitz, den ich als Besucher aller guten Konzerte kannte und der mir Lillian Sanderson als eine große, ganz eigenartige Sängerin schilderte, deren Konzerte er stets besuche, wenn sie in Dresden auftrete. Außerdem sei sie eine bildschöne Frau. Ich sollte, so meinte er, auf alle Fälle den Auftrag annehmen. (…)

Auf ihren Bescheid, dass sie mich in Hasserode am Bahnhof erwarten werde, und dass sie für mich ein Zimmer im Hotel „Steinerne Renne“ in Hasserode bestellt habe, machte ich mich auf den Weg. Am Bahnhof in Hasserode fiel mir gleich eine große stattliche und bildschöne Frau auf. Ich ging auf sie zu, zog artig meinen Hut und stellte mich vor.“

Aus der Begegnung entsprang eine große Liebe. 1900 heirateten sie, und sie zog in das Haus des Malers auf die Hermann-Vogel-Straße 2. Ihren Beruf als Sängerin gab sie auf. 1947 starb Lillian Sanderson und Richard Müller, öffentlich an den Pranger gestellt, schrieb in einem Brief an seine verstorbene Frau über gemeinsame Erlebnisse, seine Trauer, aber auch über seine aktuellen Auseinandersetzungen.

„Durch die Kritiken über ‚Entartete Kunst’ 1934 sollte mir das Haus und alles genommen werden. Ich sollte aus dem Haus heraus und ein großer Prozess wurde mir gemacht und ich musste mich öffentlich verteidigen. Vom Staatsanwalt wurde mir ein Jahr Gefängnis und Einziehung meiner ganzen Habe zugedacht, aber dann wurde ich durch Richter und Gerichtsschöffen freigesprochen. Ganz merkwürdig, die Nacht vorher habe ich so lieb von Dir geträumt. Es war, als wäre keine Trennung zwischen uns gewesen. Das gab mir eine solche Kraft und Ruhe, dass das Urteil des Staatsanwaltes auf mich gar keinen Eindruck machte und mir schließlich die Freisprechung als selbstverständlich erschien. Die Verhandlung hat von früh 10 Uhr bis Nachmittag gegen 5 gedauert.

1947 wurde ich zur Entnazifizierung nach der Hauptpolizei bestellt. ‚Sie wissen wohl, weshalb sie hierher bestellt worden sind?’ ‚Nein, aber doch, ein Pelz und ein graues Kostüm und mehrere Sachen sind nach dem Tod meiner Frau aus einem verschlossenen Schrank, zu dem nur ich die Schlüssel habe, gestohlen worden.’ Der Beamte stutzte eine Weile, sagte dann aber: ‚Nein, Sie waren doch Parteigenosse, haben gegen die Entartete Kunst geschrieben und haben auch mehrere Stätten von Hitler gezeichnet, deshalb sind sie hier, um sich zu verantworten. Wie kamen sie zur Partei?’ ‚Eines Tages kam Geheimrat Hertzsch, die juristische rechte Hand von Reichsstatthalter Mutschmann nach der Akademie und ließ mich, den Rektor der Akademie, kommen. Er war nicht gerade sehr freundlich, wie es unter gebildeten Menschen üblich ist und sagte mir, die Partei hätte die Absicht, eine Kunstkammer zu gründen, was würden sie unter einer Kunstkammer verstehen?

Ich sagte, eine Stelle, wo alle Kunstbelange zusammen liefen und von Fachleuten, wie die Kunst es auch verlangt, auch gearbeitet wird. Eigentlich haben wir das heute schon in der Akademie. Alle Akten über akademischen Rat, Künstlerhilfsbund, Sachverständigenkammer, die Gelder für Ankauf der Gemäldegalerie „Pröll-Heuer, Munkelsteuer’ usw. ruhen hier, werden von hier aus verwaltet. Hier werden die Sitzungen abgehalten. Plötzlich, nach acht Minuten, wurde ich gefragt, ob ich Mitglied der Partei wäre. Als ich Nein sagte, bekam ich als Antwort, dann kann ich mit ihnen gar nicht weiter verhandeln, nahm seine Mütze vom Tisch und wollte gehen. Er ging auch zur Tür und kehrte plötzlich um und sagte, ich kann nicht noch einmal kommen, dazu habe ich keine Zeit, ich melde sie sofort an.

Herr Hertzsch hatte keine Ahnung und auch kein Gefühl für Kunst. Ich zeigte ihm die ganzen Akten. Er machte sich einige Notizen, sah sich die Räume, wo die Sitzungen stattfanden und auch die Aula nebenan an, wo Arbeiten ausgestellt, die bei den betreffenden Sitzungen gezeigt und besprochen wurden. Hätte ich damals gesagt, die Aufnahme der Partei kommt mir zu unverhofft, ich muss erst überlegen, so hätte Herr Hertzsch mich wohl sofort ohne ein Wort verlassen und ich wäre auf der Stelle als Rektor und Lehrer entlassen worden und vielleicht auch ohne Pension.

Dann wurde ich weiter gefragt: ‚Sie haben gegen die Entartete Kunst seinerzeit im Rathaus geschrieben und vielen Künstlern dadurch geschadet.’ ‚Vom Ministerium, Sachverständigenkammer, Oberbürgermeister von Dresden Zörner und der ganzen Schülerschaft wurde ich genötigt, mich öffentlich zu äußern und ich als Sachverständiger wurde von den drei Ministerien einstimmig dazu gewählt. Die ausgestellten Arbeiten hatten mit Kunst nichts zu tun und das Publikum wandte sich in dieser Sache gegen die Akademie und machte dieselbe verantwortlich dafür. Man musste die Arbeiten gesehen haben. Auf einem Holzdeckel eine Heringsgräte genagelt. ‚Hoffnung oder Sehnsucht’ hießen dann die Werke. Das hat doch mit Kunst nichts zu tun. Nicht sie, sondern wir, die wir unser Handwerk richtig gelernt haben und die Natur richtig studieren und uns die größte Mühe geben, richtig zu zeichnen und zu malen, sind geschädigt beim Publikum, denn es nimmt uns Künstler doch gar nicht mehr ernst, wenn solches dummes Zeug ausgestellt wird und als neu oder als ‚Neuland’ bezeichnet wird.’

Von vielen ernsten Menschen bekam ich Zuschriften und lobten mich, dass endlich mal ein guter Künstler es wagt, diesen Unsinn beim richtigen Namen zu nennen.’ ‚Dann haben sie die Stätten von Hitler gezeichnet.’ ‚Ja.’ ‚Wie kamen sie dazu?’ ‚Der Reichsstatthalter Mutschmann, der Oberbürgermeister Zörner und Geheimrat Hertzsch setzten sich zusammen, zerbrachen sich die Köpfe. Was kann man dem Führer zu Weihnachten schenken? Geld, Gold, Brillanten, Oelbilder, Bronzen hat er in Hülle und Fülle und endlich kam man auf den Gedanken, ‚Hitlers Gedenkstätten’ zeichnen zu lassen. Und nur ein Künstler kommt hier in Betracht und das ist Richard Müller. Ich wurde bestellt, Geheimrat Hertzsch erzählte mir den ganzen Vorgang. Wieviel Geld in österreichischen Devisen benötigen sie dazu? Ich antwortete, wohl 360 Mark und erhielt sofort einen Schein an die Staatsbank Berlin ausgestellt, die mir sofort das Geld hier in Dresden zur Verfügung stellen sollte, um sofort damit zu beginnen.

Ich wandte mich sofort nach Berlin, erhielt aber einen abschlägigen Bescheid. Ich war lange nicht verreist gewesen, österreichische Küche, das Bier, auch wieder nach der Natur zeichnen zu können, immer viel im Freien sein zu können, auch etwas neues sehen zu können, zog mich sehr an und ich versuchte mit 20 RM, die man damals bei sich haben konnte, an der schmalsten Stelle in der Nähe vom Tegernsee nach Salzburg zu kommen. Bis in die Nähe vom Tegernsee konnte ich ja mit deutschem Geld kommen. In Salzburg zeichnete ich sofort die Burg, Pferdeschwemme usw. – beliebte Motive und bald kam auch ein Käufer. Er bot mir 800 Mark in österreichischer Währung für 4 Zeichnungen. Ich verkaufte sie, hatte genug Geld und begann nun ganz planmäßig meine Tour für die Hitlerzeichnungen. Ich machte nebenbei auch noch mehrere Zeichnungen für mich von ‚Anton Bruckner’ in Linz, St. Florian usw. und fuhr dann über die Schweiz nach Schaffhausen – um auch den Rheinfall noch mehrere Male zu zeichnen – nach Hause.

An der Grenze wurde ich unbehelligt durchgelassen. In Dresden wurde ich vom Kunstverein aufgefordert, die Zeichnungen auszustellen. Nach ungefähr drei Tagen rief mich der Stellvertreter vom Führer, Heß, telephonisch an, er hätte von der Ausstellung gehört. Er möchte die Ausstellung, alle Blätter, geschlossen kaufen und sie dem Führer zu Weihnachten schenken. Kostenpunkt spiele keine Rolle. Als Mitglied des Vorstandes vom Dresdner Kunstverein wusste ich, dass der Kunstverein bei allen ausgestellten Arbeiten das Vorkaufsrecht hat. Oberbürgermeister Zörner war der Vorsitzende des Kunstvereins und ich musste mit ihm deswegen sprechen. Ich rief ihn telephonisch an und erzählte ihm und er bat mich, ob er mich nicht persönlich sprechen könnte oder ob ich zu ihm kommen konnte. Die ganze Sache interessierte ihn sehr und ich ging sofort zu ihm nach dem Rathaus. Er hörte sehr aufmerksam zu und dachte wohl, die günstige Gelegenheit lässt du dir nicht entgehen, dich beim Führer bestens einzuführen und gab mir als Antwort: ‚Der Kunstverein hat das Vorkaufsrecht.’ Ich frug ihn, ‚und was soll ich Heß antworten?’ Die ist ihre Sache. Recht unangenehme Auseinandersetzung hatte ich mit Heß.

Zörner behielt die Zeichnungen, ließ eine sehr schöne Truhe aus einem alten Eichenstamm, den man aus der Elbe gezogen hatte und dunkel blau-schwarz gefärbt hatte, machen, mit Schubfächern versehen, um die Zeichnungen hineinzulegen und als Weihnachtsgeschenk dem Führer überreichen wollte. Als der Reichstatthalter (Mutschmann) davon erfuhr und Zörner das wundervolle sinnige Geschenk nicht gönnte und er es selbst nicht haben konnte, entstand zwischen den beiden eine Todfeindschaft die damit endete, daß Mutschmann Zörner verbot, die Truhe aus dem Rathaus zu entfernen. Können sie sich denken, wenn mich ihr Polizeipräsident mich nach der Hauptpolizei kommen ließe und mir sagte, er hätte die Absicht, dies und jenes für den ersten russischen General zeichnen zu lassen als Weihnachtsgeschenk und nur ich konnte das künstlerisch richtig lösen, dass ich dies ablehnte?’

Damit war mein Verhör zu Ende und alles obige zu Papier gebracht und ich nachher entlassen. Nach einigen Tagen kam der Beamte, der sich anständig mir gegenüber benahm zu mir nach Haus und frug mich nach meinem Barvermögen. Ich zeigte ihm mein Sparkassenbuch mit 4000 RM und mein Bankkonto mit gegen 1100 RM. Diese beiden Summen sind für den Grabstein und Grabeinfassung meiner Frau, die vor kurzem verstorben ist, bestimmt. Die Steine können jeden Tag hier eintreffen. Sie kommen wie geplant aus Rochlitz und dazu muß ich diese Summe bereit halten. Auch konnte ich ihm die Zeichnung von mir zum Grabstein zeigen.“

Auszüge aus: „Meine Bekanntschaft mit Lillian Sanderson“ und „Der Tod meiner Frau und letzte Gedanken“ von Richard Müller

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