Buch Dresden 1951 – 2006

Die Sächsische Haupt-Bibelgesellschaft hat 200. Geburtstag

Ein Haus für das „Buch der Bücher“ in Blasewitz

An Sonn- und Feiertagen bleibt es für gewöhnlich still in der alten Villa an der Blasewitzer Kretschmerstraße, doch in der Woche erwacht das Haus aus seinem Dornröschenschlaf. Dann stürmen Konfirmandengruppen, Schulklassen sowie Passanten in das Bibelhaus in Blasewitz und füllen das helle Eckgebäude mit Leben. Ein ganzes Haus, was nur ein Buch zum Thema hat. Nicht irgendein Buch, nein, das „Buch der Bücher“.

Im Blasewitzer „Bibelhaus“ an der Kretschmerstraße 19 residiert seit 1968 die Sächsische Haupt-Bibelgesellschaft. Bis in die 90er Jahre arbeitete im gleichen Haus auch der ursprünglich von C. Aurig gegründete „Kirchliche Kunstverlag Dresden“. Foto: SHBG

Im Blasewitzer „Bibelhaus“ an der Kretschmerstraße 19 residiert seit 1968 die Sächsische Haupt-Bibelgesellschaft. Bis in die 90er Jahre arbeitete im gleichen Haus auch der ursprünglich von C. Aurig gegründete „Kirchliche Kunstverlag Dresden“.
Foto: SHBG

Der Verein „Sächsische Haupt-Bibelgesellschaft“, der sich seit langer Zeit um die Verbreitung, Erklärung und Vermittlung der Schriften des Alten und Neuen Testaments in der Region kümmert, feiert in diesem Jahr das 200-jährige Bestehen der Gesellschaft. Mit der Vereinsgründung im Jahre 1814 gehört die Bibelgesellschaft zu den 50 ältesten Vereinen in Dresden und blickt damit auf eine traditionsreiche Geschichte zurück.

Nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft in Europa 1812/1813 brach wie in vielen Regionen auch über Sachsen eine allgemeine wirtschaftliche Notlage aus. Diese schwere Situation machte es unmöglich, jedem Haushalt eine Bibel zur Verfügung zu stellen. Nachdem sich bereits 1804 in London die „British and Foreign Bible Society“ (BFBS) gegründet hatte, um insbesondere für die walisischen Christen erschwingliche Bibeln zu organisieren, wurde nun angestrebt, in möglichst vielen europäischen Ländern eigenständige Bibelgesellschaften zu etablieren. Am 10. August 1814 erreichte der schottische Pfarrer Dr. Pinkert Dresden und veranlasste die Gründung der Sächsischen Bibelgesellschaft. 27 Männer nahmen dabei an der ersten Versammlung teil. Der russische Fürst und sächsische Generalgouverneur Repnin-Wolkonski genehmigte die Vereinsgründung und warb sogar bei der Bevölkerung für Unterstützung des Projektes.

Für den Beginn stellte die BFBS eine Summe von 400 Pfund Sterling zur Verfügung und sicherte damit auch finanziell den Beginn der Arbeit der Bibelgesellschaft in Sachsen. Die Hauptaufgabe bestand darin, angesichts des sozialen Elends auch den ärmeren Bevölkerungsschichten den Zugang zur „Heiligen Schrift“ zu ermöglichen, in den Gebrauch der Bibel einzuführen und deren Verständnis zu fördern. Da der hohe Bedarf an Bibeln kaum befriedigt werden konnte, verkündete man bereits auf der Jahreshauptversammlung 1817 die Verlegung einer eigenen Bibelausgabe. Bald danach entstanden kleine Außenstellen in Königsbrück, Herrnhut, Zittau, Schneeberg, Löbau und Rochlitz. Mit der Gründung dieser Filialen wurde der Hauptsitz in Dresden zur „Sächsischen Haupt-Bibelgesellschaft“.

Doch die Arbeit der Bibelgesellschaft war nicht immer leicht, gerade auch in der Zeit der beiden deutschen Diktaturen. So wurde beispielsweise während des Nationalsozialismus ab 1933 verboten, sorbische Bibeln zu drucken. Die Herabwertung des Alten Testamentes wegen seines jüdischen Ursprungs führte zu einem weiteren Einbruch. Die in der Zeit der DDR einhergehende Loslösung der Bevölkerung vom christlichen Glauben erschwerte die Arbeit der Bibelgesellschaft erneut. Bis zum Zweiten Weltkrieg war der Verein an unterschiedlichsten Standorten in Dresden zu Hause. Doch die Zerstörungsnacht im Februar 1945 traf auch die zu diesem Zeitpunkt genutzten Räume nahe der Innenstadt. So berichtet der ehemalige Geschäftsführer Joachim Bätjer in seinem „Rückblick aus dem Jahre 1979“ über diese Zeit:

„Als am 13. Februar 1945 Dresden unter dem Bombenhagel in Schutt und Asche sank, wurde auch das Haus der Bibelgesellschaft in der Räcknitzstraße völlig vernichtet. …

Kurz danach starb der seit neunundzwanzig Jahren als Geschäftsleiter tätig gewesene Professor Lic. theol. Gerhard Noth. Bis auf die ausgelagerten Vorräte war der Lagerbestand verbrannt. Barmittel waren nicht mehr vorhanden. Die Gesellschaft besaß keinen Arbeitsraum, kein Aktenmaterial, keinen Schreibtisch, keinen Bleistift und kein Blatt Papier; der dem Geschäftsleiter seit 1924 zur Seite stehende Angestellte war in eine kommunale Dienststelle im Erzgebirge dienstverpflichtet worden …“.

Bibel in Kinderhänden – im Haus der Bibelgesellschaft Foto: SHBG

Bibel in Kinderhänden – im Haus der Bibelgesellschaft
Foto: SHBG

Doch versuchte die Bibelgesellschaft trotz dieser dramatischen Situation sofort nach Kriegsende ihre Arbeit wiederaufzunehmen. Seit 1948 befinden sich die Geschäftsräume kontinuierlich in Blasewitz. Nach dem Standort in der Goetheallee 11 erwarb der Verein 1968 die Blasewitzer Villa in der Kretschmerstraße 19. Mit den neuen Räumlichkeiten war es nun möglich, die Arbeit der Bibelgesellschaft besser zu organisieren und zu erweitern. So konnte eine Ausstellung entwickelt werden, die bis heute – natürlich über die Zeit in veränderten Formen – den Rahmen für Schulausflüge, Konfirmandenunterricht, Gemeindeveranstaltungen, aber auch Information von Einzelbesuchern schafft.

Das 175. Jubiläum der Bibelgesellschaft wurde dann in einem ganz besonderen Jahr gefeiert, nämlich in der Zeit der politischen Wende. Seit der Wiedervereinigung befindet sich die Sächsische Haupt-Bibelgesellschaft im Verbund mit weiteren 21 regionalen Bibelzentren in einem befruchtenden Netzwerk unter dem Dach der Deutschen Bibelgesellschaft mit Sitz in Stuttgart.

An der ursprünglichen Zielsetzung und den Aufgaben des Vereins hat sich nicht viel geändert, doch sind jede Menge Möglichkeiten für die Arbeit mit und über die Bibel hinzugekommen. So gibt die Dauerausstellung dank neuer Medien interaktive Einblicke in die Entstehung, Geschichte sowie Relevanz der Texte, die auch noch nach Jahrhunderten kulturell nachwirken. Projekttage, Vortragsreihen und Gesprächsabende beschäftigen sich mit brisanten Themen zum und über das verbreitetste Buch der Welt und die eine oder andere Sonderausstellung greift auch mal über das Thema hinaus.

Druckerpresse im Haus der Bibelgesellschaft Foto: SHBG

Druckerpresse im Haus der Bibelgesellschaft
Foto: SHBG

Die Arbeit der Bibelgesellschaft hat einen festen Platz im kirchlichen Leben Dresdens bekommen und wird als Ort der Begegnung auch über die christlichen Gemeindegrenzen hinaus wahrgenommen.

200 Jahre Bibelgesellschaft – natürlich muss so ein Geburtstag auch gebührend gefeiert werden. Deshalb wird eine Festwoche im September mit einem großen Jubiläumsgottesdienst in der Kreuzkirche am 14. September 2014 eingeläutet. Anschließend ist die Ausstellung im Haus Kretschmerstraße dann eine Woche täglich über die normalen Öffnungszeiten hinaus für interessierte Besucher geöffnet, um über die zurückliegende Arbeit, aktuelle Projekte sowie die Perspektiven der Bibelgesellschaft für die nächsten 100 Jahre informieren und diskutieren zu können

Claudia Innerhofer

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