Gedenkansprache für jüdisches Kinderheim in Rochwitz

Verehrte Anwesende,
ES WAR IM JANUAR 2014, da erschien im Elbhang-Kurier ein Artikel über »Das Jüdische Kindererholungsheim in Oberrochwitz«, geschrieben von Marlis Behrisch und Rolf Gäbel.
Wir hatten das Glück, von Herrn Eberhard Münzner die Bauakte dieses Hauses zu bekommen und konnten so lückenlos die Geschichte nachweisen.


Marlis Behrisch

Marlis Behrisch


Von der Israelitischen Religionsgemeinschaft und der Marie-Ascher-Stiftung wurde im Jahr 1907 das Haus Karpatenstraße 20 erworben. Aus der Bauakte vom 30. 9. 1907 geht hervor:
»Die Fraternitasloge Dresden beauftragt die Errichtung eines Kinderheimes in Rochwitz. Es ist zur Sommernutzung als Aufenthalt für arme Kinder und für verwandte gleichartige Wohltätigkeitszwecke gedacht.«
Die Einweihung am 4. 7. 1909 war so groß, dass nicht nur Vertreter der Stadt und christlich-jüdischen Vereine aus vielen Städten, auch der Präsident der Großloge anwesend waren. König Friedrich August besuchte dieses Haus, 1927 der Weltpräsident des Ordens »Brüder des Bundes«, Alfred Cohen, das Ferienheim.
Über 100 Kinder aller Konfessionen verlebten in der Sommerzeit hier ihre Ferien – auch Rochwitzer Kinder – für die ärmeren Kinder war selbst das Essen kostenfrei. Außerhalb der Ferien diente es als Erholungsheim für Logenangehörige aus ganz Deutschland.
Ab 1933 änderte sich die Nutzung des Kinderheims. In einem Teil wurden Lehrgänge für gärtnerische und hauswirtschaftliche Arbeit und Sprachlehrgänge durchgeführt, um den Auswanderern praktisches Rüstzeug mitzugeben.
1937 wurde die Fraternitas Loge verboten, das Kinderheim geschlossen. Das staatsfeindliche Vermögen wurde 1938 zugunsten des Landes Sachsen eingezogen.
1941 wurde das Kinderheim ein Schulungsheim für die NS-Frauenschaft.
Ende 1946 wurden hier die ersten 15 Wohnungen eingerichtet und 1949 wurde die Sächs. Landeskreditbank neuer Eigentümer.
Nun folgte ein häufiger Eigentümerwechsel: Studentenwohnheim TH Dresden, VEB Fortschritt, Impulsa. Vielen Rochwitzern ist noch in Erinnerung: VEB Agroanlagen. Bis Ende 2009.
2010 begannen Renaturierungsarbeiten durch das Umweltamt, das Gebäude gelangte in Privatbesitz und wurde, nach mehreren Wechseln, letztendlich liebevoll restauriert.
Gedenktafel

Gedenktafel


Bis zum Jahre 2009 war an diesem Haus eine Gedenktafel: »Wege der jüdischen Erinnerung«, Station 25 angebracht. Diese Tafel war nicht mehr vorhanden.
In unserem Artikel stellten wir die Frage nach dem Verbleib.
Ich bedanke mich, dass die Resonanz so umwerfend erfreulich war:
Das Ortsamt Loschwitz, Frau Günther, versprach Nachforschung.
Von der christl. jüdischen Gemeinde erhielt ich von Frau Stellmacher eine Mail und nun begann eine intensive und kreative Zusammenarbeit.
Ich freue mich sehr, dass heute hier an dieser Stelle ein „Denkmal“ eingeweiht wird. Ein Denkmal für die Menschen, die aufgrund ihres Glaubens nicht geduldet wurden.
Die Eröffnung eines solchen Denkmals ist kein Anlass zu fröhlichem Feiern, gewiss. Aber sie ist für mich Anlass zum Dank an alle Beteiligten – dafür, dass das Engagement vieler zu einem wundervollen Resultat geführt hat.
Dieses Denkmal kann uns und den nachfolgenden Generationen ermöglichen, mit dem Kopf und mit dem Herzen sich dem unbegreiflich Geschehenen zu stellen.
Dank an alle, die sich unermüdlich für seine Aufstellung an einem würdigen Ort eingesetzt haben.
Dafür danke ich!
Marlis Behrisch
Kindererholungsheim

Kindererholungsheim

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