Dreifacher Denkanstoß an der Blasewitzer Kirche

Pfarrer Albert Hantsch begann die „Wandel-Andacht“ am neugestalteten Gedenkstein für die Blasewitzer und Neugrunaer Weltkriegsopfer 1914–1918 und 1939–1945. Foto: Stephan Wilczek

8. Mai 1945 – 2020 – im Gedenkjahr an Karl Emil Scherz führen zuweilen die ungewohnten Corona-Umstände auch zu erkenntnisfördernden Begegnungen – so unlängst – und beinahe spontan – an der Blasewitzer Kirche.

Am Gedenktag 8. Mai wurde dort nach dem Mittagsgeläut zu einer „Wandel-Andacht“ eingeladen. Die begann – mit angemessenem Personen-Abstand – vor der Nordfassade der Kirche an der Berggartenstraße am Gefallenen-Denkmal, wo in den 50er-Jahren ein ehemals pathetisches „Ehrenmal 1914–1918“ in einen schlichten Gedenkstein für die Blasewitzer Toten beider Weltkriege umgewandelt worden war. Nur die Wandinschrift „Wir preisen selig, die erduldet haben“ hat unverändert überlebt, doch nach heutiger Erkenntnis sollte man wohl formulieren „ … die erdulden mussten“; die Sinnlosigkeit des benannten Kriegsgeschehens kann nicht vergessen werden, auch wenn die Blasewitzer Heilig-Geist-Kirche äußerlich unversehrt die Kriege überdauert hat.

Über dem – i.d.R. verschlossenen – Westportal der Heilig-Geist-Kirche thront die (hier nicht sichtbare) Christus-Plastik „ohne Hände“. Foto: Stefan Wilczek

An der zweiten Andachts-Station vor der mit zahlreichen Ornamenten ausgestatteten Südfassade der Kirche wurde eine verwitterte segnende Christusfigur wahrgenommen, die – nach über 100 Jahren – deutlich erkennbar ihrer Hände beraubt ist. Anstatt teure Restaurierungs-Aufwendungen zu überlegen, sollte die heutige Ortsgemeinde vielleicht darüber nachdenken, auf welche Weise ein „amputiertes“ Symbol geistige, diakonische, theologische, pädagogische oder auch musikalische Impulse auslösen kann..

Schließlich führte die dritte Station auf die Wiese zu Füßen der monumentalen Kirchen-Westfassade und dort zu baulichen und denkmalpflegerischen Überlegungen: Die einst großzügigen, von Baumeister Karl Emil Scherz erdachten lichtdurchflossenen Fensterrosetten wurden nach dem 13. Februar 1945 sicherheitshalber zugemauert. Der „glatte Putz“ täuscht jetzt einen Dauerzustand vor, der einstige Kriegsschäden ausblendet und das Vergessen leider befördert.

Die vermauerten Fenster-Rosetten an der Süd- (und Nord-)Fassade der Blasewitzer Kirche „verstecken“ die baulichen Kriegsschäden von 1945 – sie harren einer zukünftigen künstlerischen Neufassung. Foto: Stephan Wilczek

Die kleine Gedenkgemeinde stimmte zum Schluss den altkirchlichen Hymnus an „Verleih uns Frieden …“ – allerdings ohne jeden musikalischen Beistand, denn Corona war unerbittlich – aber durchaus bewusstseinsbildend.

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Fahrer mit Goliath-Dreirad bei der Auslieferung in der Blasewitzer Hochuferstraße, um 1930. Foto: Dr. Georg Jäkel

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