Italienisches Gasthaus im Alten Fährgut Loschwitz

„Hier, wo sich Fluß und Weinbau fanden, ist dieses alte Gut entstanden.“

Es ist eines dieser wunderbaren Häuser, wo jeder Balken und jede Diele Geschichten zu erzählen haben. Es ist auch eines der so seltenen Häuser, wo man meint, dass Steine Herz und Seele haben könnten. Man hat unwillkürlich den Wunsch, den Gemäuern die Geheimnisse zu entreißen: die vielen Hochwasser und Eisgänge, die sie erlebten; die Runden der Fischer und Fährleute, die hier ihren Wein tranken; die Aufregung, wenn König und Hofstaat vorbei zur Fähre ritten; die Schicksale der vielen namhaften und namenlosen Bewohner und Gäste; die Künstlerbesuche bei Bankprokurist und Kunstsammler Herbert de Coster; auch die legendären „Keller”-Abende bei Matz Griebel gehören nun schon zur Kultur einer untergegangenen Gesellschaft.

Nach dem Auszug aller Bewohner und mehrmalige Besitzerwechsel hatte sich die Bausubstanz so verschlechtert, dass auch ein Abriss in den letzten Jahren möglich gewesen wäre. Umso erfreulicher ist nun die Eröffnung von Gaststätte und Pension „Il Camino” in einem liebevoll sanierten Alten Fährgut. Eine unvollständige Spurensuche…

Die Südseite des alten Fährgutes mit dem neuen Wintergarten. Foto: Jürgen Frohse

Die Südseite des alten Fährgutes mit dem neuen Wintergarten.
Foto: Jürgen Frohse

Balken erzählen Geschichte

Kurz vor der Stadt gelegen und mit der wichtigen Verbindung durch den Loschwitzgrund nach Bühlau und Bautzen zählte Loschwitz zu den wichtigen und auch ältesten Elbquerungen im sächsischen Raum. Ein Ort, wo der Fährmann sein Besitztum hatte, ist eine der möglichen Deutungen des Dorfnamens. Die Fährgerechtigkeit, das Privileg, die Fähre in Loschwitz zu betreiben, war über viele Jahrhunderte mit dem Besitz des Fährgutes verbunden. Als Besitzer des Gutes fand 1556 erstmalig George Hempel Erwähnung. Errichtet wurde das Haus vermutlich Anfang des 17. Jahrhunderts. Hans Balthasar Hempel hinterließ seine Initialen bei einem Umbau 1697, der im Wesentlichen zur heute bekannten Form führte.

Das Fährgut in Loschwitz, erbaut in einer Zeit, wo Häuser meist klein waren und nur ein oder zwei Generationen halten sollten, war das größte Anwesen im Dorf jener Jahre. Neben der Wohnung des „Erbfährmeisters” gab es eine Gaststube im Erdgeschoss, wo man wohl bei einem Glas Wein auf die Fähre warten konnte. Eine Weinpresse stand auch den Winzern der Umgebung zur Verfügung und in zwei Tonnengewölben konnte der Traubensaft gelagert werden. Im Vorraum befand sich eine offene Feuerstelle, die wohl auch zum Räuchern diente und im Keller entsprang eine Quelle, die beim Ausbau des Trille-Kanals versiegte. Zum Fährgut gehörten aber auch das Fährhaus für die Fährknechte, wo auch Sommergäste weilen konnten, und weitere Nebengebäude. Ein 1863 erfolgter Anbau beherbergte offensichtlich auch eine Schmiede.

Das Weingewölbe. An der Rückwand der ehemalige Brunnen. Foto: Jürgen Frohse

Das Weingewölbe. An der Rückwand der ehemalige Brunnen.
Foto: Jürgen Frohse

Hausbekanntschaften

Auf dem Weg vom Dorfplatz zur Elbe streiften nicht nur Waschfrauen, Fischer, Händler oder Fuhrleute das Anwesen, auch Monarchen und berühmte Künstler nutzten die Fähre. So wird auch Friedrich Schiller hier übergesetzt haben, um seine Milch im Gasthof Blasewitz zu trinken, und so werden Theodor Körner, Ludwig Richter und andere hier vorbei gekommen sein. Belegt ist, dass der Photograph August Kotzsch in einem Nebengebäude seinen fahrbaren Dunkelkammerwagen einstellte, um ihn nicht immer den Berg hochschieben zu müssen. Künstler waren aber auch Gäste bei den Besitzern des Fährgutes. So soll der Maler Anton Graff 1800 Quartier im Haus bezogen haben, um seine vier Landschaftsbilder von Loschwitz und Blasewitz anfertigen zu können. Auch Carl Maria von Weber hat im kleinen Fährhaus gewohnt, das nach seinem Tod auch seine Witwe mit den Söhnen Max und Alexander nutzte. Zum berichtenswerten Ereignis wurde der Besuch, als Max von Weber in der Elbe seine selbstgefertigten Treträder ausprobierte.

Als der Dorfpoet Moritz Heydrich 1851 in des Fährhaus zog, schrieb er in seine Tagebücher: „Seit dem zweiten Mai wohne ich wieder auf dem Land, in einem traulichen Stübchen an der Elbe in Loschwitz. Als ichs gemietet hatte, erfuhr ich, dass C. Maria von Weber darin gewohnt und componiert hat. Es durchrieselte mich ein kalter … und doch tieffreudiger Schauer. Mit heiliger Ehrfurcht, mit tiefem heiligen Ernst bezog ich mein liebes Stübchen oder Häuschen (das sog. Wasser-Palais). Ganz bestimmt werde ichs nicht vor Vollendung einer neuen dramatischen Arbeit verlassen.”

Berühmte Maler wie Wilhelm Lachnit und Felix Müller gingen wohl in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts im Fährgut ein und aus, als der Bankprokurist und Kunstsammler Herbert de Coster Miteigentümer des Hauses war. Sein Freund Peter August Böckstiegel, der sich hier umzog, um in die Elbe baden zu gehen, malte ihm ein Zimmer aus. Toni de Coster, seine Frau, bewirtschaftete das Haus nach seinem Tod und konnte es auch in schwierigen Nachkriegsjahren erhalten. 1963 vermietete sie den Anbau an Georg und Matz Griebel, die diesen ausbauten. Hier trafen sich Künstler, Akademiker, Anwohner und Loschwitzer Jugendliche (LFC) immer freitags im legendären „Keller”. Georg Griebel hinterließ an den Kellerwänden und auch an zwei Fensterläden seine künstlerischen Spuren.

Das Loschwitzer Fährgut im Festschmuck.  Sammlung Matz Griebel. Repro: Jürgen Frohse Anlass und Jahr der Aufnahme sind nicht bekannt; auch zum Photographen fehlen Angaben.

Das Loschwitzer Fährgut im Festschmuck.
Sammlung Matz Griebel. Repro: Jürgen Frohse
Anlass und Jahr der Aufnahme sind nicht bekannt; auch zum Photographen fehlen Angaben.

Was lange währt, wird … italienische Gaststätte und Pension

Nach der Wende 1989 wurde ein Wohnen im Haus immer schwieriger und nach und nach zogen die Mietparteien aus. Das Haus wurde verkauft und weiter verkauft – und es verfiel zusehends. 2005 begannen dann doch die Bauarbeiten, vorerst mit einem Neubau eines Einfamilienhauses im Grundstück. Bald wurde jedoch das große Dach abgedeckt und die Sanierung begann mit einigen bösen Überraschungen. Der Hausschwamm hatte sich weit ausgebreitet und auch ein Gewölbe stürzte bei den Arbeiten ein. So konnte nicht jeder Geschichte erzählende Balken erhalten werden. Bauliche Kompromisse, auch um das Haus heutigen Ansprüchen zu genügen, blieben nicht aus. Die Gauben wurden verändert und einige zusätzliche Fenster eingebaut – doch maß- und stilvoll. Das Böckstiegel-Zimmer unterm Dach wurde restauriert und soll Besuchern zugänglich bleiben. So entstanden in den oberen Etagen und im Anbau vier Wohnungen und zwei Pensionszimmer.

Ein großer Gewinn ist der Gaststättenbereich im Erdgeschoss. Im Eingangsraum und im ehemaligen Gastraum wurden liebevoll Bohlendecken, Wandbemalungen, ein Kamin und der Schlitz neben der Tür, der ehemalige Briefkasten, hervorgeholt. Die Kohlenkeller sind wieder wunderbare Weingewölbe geworden. Ein Glasanbau zur Südseite öffnet die Gaststätte zum Garten, ohne den Charakter des Hauses zu zerstören. Die geschnitzten und bemalten Fensterläden wurden gesichert, konnten aber nicht wieder verwendet werden. Es werden dem Original getreue Repliken angefertigt, die wohl erst Anfang des nächsten Jahres angebracht werden.

Zurzeit entsteht anstelle des ehemaligen Bootshauses im Grundstück noch ein Neubau. Hier sollen Ende November eine „Schokolaterie”, im Februar ein Delikatessengeschäft und im ersten Stock weitere Gäste der Pension einziehen. Als Abschluss soll im Frühjahr der Garten im Sinne des einst von Frau Schneider, einer früheren Bewohnerin, wunderbar gepflegten Blumen- und Obstgartens gestaltet werden. Es ist eine große Freude, dass die Geschichte des „Alten Fährgutes” weiter geschrieben werden kann. Und irgendwann wird man lesen können, wer im 21. Jahrhundert hier logiert und wer Feste im Restaurant gefeiert hat.

Quellen:

  • „Historisches Häuserbuch für Loschwitz”, Emil Wehnert
  • Archiv und Informationen, Matz Griebel
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Veröffentlicht unter Artikel aus der Print-Ausgabe
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