Buch Dresden 1951 – 2006

Langfassung des Interviews zum Verkauf des Loschwitzer Künstlerhauses

Von guten Händen, in gute Hände

Künstlerhaus an Bürgerstiftung verkauft

Häuser, in denen Künstler Wohn- und Atelierräume nutzen konnten, entstanden in der Mitte des 19. Jahrhunderts in verschiedenen deutschen Städten, aber sie wurden meist von Vereinen oder Kommunen begründet. Das Loschwitzer Künstlerhaus entsprang privatem Engagement. Der Architekt Martin Pietzsch plante, finanzierte und baute das Haus 1897/98.

Es blieb, bis auf eine Pause von etwa 20 Jahren, im Besitz der Familien Pietzsch/Steude. Mit oft hohem privatem Einsatz von Eigenkapital führten sie die idealistischen Ideen des Erbauers fort, kostengünstige Wohnungen und Ateliers zur Verfügung zu stellen. Jetzt verkauften es die Urenkel des Erbauers, Anne Claußnitzer und Martin Steude, an die Bürgerstiftung Dresden. Anlässlich der Unterzeichnung des Kaufvertrages übergab die Bürgerstiftung eine Laterne für die im großen Treppenhaus des Künstlerhauses vom Bildhauer Otto Pilz geschaffene Plastik. Diese, ein Zwerg vom Künstler nach dem Brand 1904 gestiftet, hielt seitdem eine Gastlaterne zu Beleuchtung des Treppenhauses. Nun ziert das Konterfei eine eigens von der Bürgerstiftung erworbene Lampe.

Katrin Sachs (Bürgerstiftung) mit Martin Steude vor dem Künstlerhaus. Foto: J. Frohse


Der Verkauf war für uns Anlass, Fragen an Anne Claußnitzer und Martin Steude sowie an den geschäftsführenden Vorstand der Bürgerstiftung, Katrin Sachs, zu stellen:

Welche Künstler waren für das Haus besonders wichtig?
Anne Claußnitzer:
Wer »wichtig« war oder ist, kann nicht so eindeutig benannt werden. In ihrer jeweiligen Schaffenszeit waren sie oft unbekannter als heute. Das Künstlerhaus war für viele Maler und Malerinnen sowie Bildhauer und Bildhauerinnen oft über Jahrzehnte das Refugium, in dem sie geschützt arbeiten konnten: Hermann Glöckner (1889–1987), Otto Pilz (1876–1934), Josef Hegenbarth (1884–1962), Sascha Schneider (1870–1927), Hans Jüchser (1894–1977), Max Uhlig (*1937), Egon Pukall (1934–1989), Günter Hornig (1937–2016), Veit Hofmann (*1944), Ursula Naumann (1921–2009). »Wichtig« im Sinne von neu war auch, dass Martin Pietzsch schon recht früh Ateliers an Künstlerinnen vermietete, z. B. an Anna Elisabeth Angermann (1883–1985), Hildegard von Mach (1872–1950), Irmgard Meinhold (1871–1952), Anna Plate (1871–1941), Katharina Krabbes (1881–1970) (Loschwitzer Kreis).

Was waren die größten Herausforderungen in diesen Jahrzehnten mit fünf Gesellschaftsordnungen und zwei großen Kriegen?
Anne Claußnitzer:
Herausforderungen gab es reichlich: Von Anfang an ging das Konzept des Urgroßvaters (von Mieteinnahmen Baukredite abzahlen) nicht auf. 1904 gab es einen Großbrand und der neuerliche Aufbau von Teilen des Dach- und Obergeschosses verschärfte die Lage. Groteskerweise war die Zeit des Ersten Weltkrieges eine »gute«, da der Staat die Mieten für die Künstler zahlte, die im Krieg waren. Während der Weimarer Republik, in der Zeit der großen künstlerischen Umbrüche, konnten nicht alle Künstler der »alten Schule« ihre Werke verkaufen, was sich wiederum auf die Mieteinnahmen auswirkte. Ab 1933 wurde Kunst wieder neu definiert, was manche Kunstschaffende in die innere Emigration trieb, und mit Fortdauer des Zweiten Weltkrieges füllte sich das Haus zunehmend mit Flüchtlingen. Dennoch musste es erhalten, Kredite bedient und Reparaturen bezahlt werden. Ab 1945 ging es um die Verwaltung des Mangels – an Baumaterial, Handwerkern und Geld seitens des Vermieters, an Künstlerbedarf, wie Farben, Leinwand, Papiere und Geld seitens der Mieter. Auch im Sozialismus gab es einen neuen Kunstbegriff. 1972 erfolgte die »kalte Enteignung« und die früheren Besitzer waren eher Zaungäste denn Akteure. Als große und dauerhafte Herausforderung stellten sich die dringend nötige Grundsanierung und Erhaltung des Künstlerhauses nach der Rückgabe 1992 heraus. Hier war das Finanzierungskonzept zunächst ohne Berücksichtigung der schnell steigenden Handwerker-, Material-, Neben- und Betriebskosten erstellt worden und musste mehrfach angepasst werden. Unsere Eltern Annemarie und Prof. Wolfram Steude stellten sich auch dieser Herausforderung nach Jahrzehnten persönlichen Einsatzes für Haus und Bewohner. Die »Künstlerhäuser GbR« hielt aber an dem urgroßväterlichen Grundsatz fest, Künstlern bezahlbare Wohn- und Arbeitsräume zur Verfügung zu stellen. Mit Geschick und großem persönlichen Engagement gelang das bis heute namentlich Martin Steude als Geschäftsführer der GbR vor Ort.

Wie kam es 1992 zur Rückübertragung?
Martin Steude:
Das Haus gehörte bis auf einen Zeitkorridor von ungefähr 20 Jahren den Familien Steude/Pietzsch und war in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts so marode, dass unser Vater – Prof. Dr. Wolfram Steude – eine Sanierung anstrebte, für die er keine Mittel bekam und aufgrund dessen, das Haus der Landeshauptstadt Dresden unter Übernahme der Notariatskosten schenken durfte. Ein nach neuem Recht ab 1990 klarer Fall von sogenannter „kalter Enteignung“ und damit einer für die Restitution. Der Rückgabe ging das Angebot eines damals in Dresden, auch und gerade am Körnerplatz sehr umtriebigen Investors voraus. Dieser bot für den noch offenen Restitutionsanspruch 200.000 DM. Für gerade der DDR entronnene Menschen ein sagenhafter Betrag… Mein Vater und ich saßen in seinem Büro und waren uns schnell einig, dass dies nicht der Weg sein soll. Der Rest war, wie so vieles in der Wendezeit, Zufall. Unsere Mutter Annemarie Steude arbeitete in der Buchhandlung der Bibelgesellschaft Blasewitz und lernte dort einen Juristen aus Freiburg kennen, der, wie sich herausstellte, zur allerersten Generation der Aufbauhelfer Ost zählte. Er suchte Kontakt, Gespräch und besuchte uns zuhause. Hier kamen wir auch auf das Künstlerhaus und unsere bisher vergeblichen Bemühungen zu sprechen, es über einen Restitutionsantrag zurück zu bekommen. Wenige Tage nach unserem netten Abend rief er an und avisierte, dass sich das Amt für offene Vermögensfragen bei uns melden würde. Dann ging es sehr schnell. 1992 bekamen wir das Haus zurück, versehen mit einem schmalen Ordner an Unterlagen und jeder Menge offener Fragen. Für unseren Vater erfüllte sich damit ein Herzenswunsch – ein großes Anliegen…
Anfängliche Unruhe und Ängste unter der Mieterschaft konnten wir schnell zerstreuen und begannen die Sanierung zu planen.

Welche Lasten hatte die Familie mit der Sanierung zu tragen?
Martin Steude:
Die Kosten der Sanierung beliefen sich auf 1,5 Millionen DM, heute eine eher lächerliche Summe für die Größe des Hauses. Dennoch lasteten die Schulden bis auf den heutigen Tag auf uns. Einerseits haben wir die Mieten sozial freundlich gehalten – der heutige Preis für einen Quadratmeter Wohn- oder Atelierraum liegt im Durchschnitt bei knapp unter 5,50 € – und andererseits waren die steuerlich möglichen Abschreibungen nach zehn Jahren durch. Alle Gewinne aus den Mieteinnahmen wurden fortan der Familie Steude, ab 2013, dem Besitzübergang des Hauses auf meine Schwester und mich, zugerechnet – ein irrsinniger Steueraufwand. Über 30 Jahre nach der Rückübertragung konnten wir nun, nach intensiver familiärer Beratung und langer Suche, nach einem geeigneten Käufer das Haus schuldenfrei verkaufen.

Was bewog die Familie, das Haus jetzt zu verkaufen?
Martin Steude:
Einerseits gab es einen familiären Plan, über die Zukunft des Hauses zu entscheiden, wenn wir, meine Schwester und ich, ein gewisses Alter erreicht haben. Und andererseits hat sich über die Jahrzehnte auch eine gewisse Ermüdung auf allen Seiten, also bei Vermietern und auch den Mieterinnen und Mietern, eingestellt. Das ist kein überraschender Prozess, eher vielleicht eine Folge des ja grundpositiven Ansatzes, das Haus mit seiner sozialen Idee so lange unaufgeregt und stabil zu führen, dass es für alle Bewohner ein ruhiger Hafen sein konnte. Andererseits fehlte so ein wenig der Impuls für Fortentwicklung, die sich oft aus einer kreativen Unruhe, vielleicht auch durch existenzielle Fragen getrieben, speisen kann.

Warum fiel die Wahl zum Verkauf gerade auf die Bürgerstiftung Dresden?
Martin Steude:
Durch eigene berufliche Konstellationen habe ich Katrin Sachs, geschäftsführender Vorstand der Bürgerstiftung Dresden kennengelernt, und wir hatten auf Anhieb einen sehr großen gemeinsamen Themenkanon. Über viele Gespräche hinsichtlich des Wesens einer Stiftung, in dem Falle der Bürgerstiftung, über Ziele, Ausrichtungen, Projekte, über soziales Engagement und vieles mehr kamen wir auch auf das Thema Künstlerhaus zu sprechen und es war sofort bei Frau Sachs ein großes Interesse am Künstlerhaus zu spüren.
Katrin Sachs: Wir sind seit vier Jahren auf der Suche nach einem Mietshaus in Dresden, um unser Stiftungskapital breiter anzulegen – ‚mission investment‘ nennen Stiftungen das. Das Künstlerhaus ist für uns kein Förderprojekt wie der DenkRaum Sophienkirche, sondern vermögensbildend.
Martin Steude: Wir trafen uns dann hier ein paarmal im Haus mit Herrn Dr. Hesse, dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Eisenbahner-Wohnungsgenossenschaft und Stiftungsratsmitglied – ein wunderbarer Mensch und kompetenter Fachmann. Als vierte Person kam Herr Kummer, ein Baugutachter, hinzu.

Welche Rolle wird die Familie Steude zukünftig spielen?
Katrin Sachs:
Martin Steude wird als Stifter in unserem Stiftungsrat und in der Stifterversammlung für Kontinuität sorgen und dort sicher – stellvertretend für die gesamte Familie – die Anerkennung erhalten, die wir für angemessen halten: um das jahrzehntelange, private mäzenatische Engagement von ihm und seiner Schwester für Dresden als Kunststadt hinreichend zu würdigen. Sein Sitz ist auch ein Symbol, wie stark die ehemalige Eigentümerfamilie die Geschicke und Geschichte des Hauses weiterhin vertreten wird.

Welche Sanierungsarbeiten sind notwendig? Wie könnte das Haus energetisch saniert werden?
Katrin Sachs:
Das Haus steht baulich so da, wie es nie dagestanden hat. Dennoch werden dringend Rücklagen benötigt für Elektrik und Modernisierungen.
Martin Steude: Das Haus erscheint nicht nur architektonisch mächtig, es hat tatsächlich ein sehr dickes Gemäuer, was an und für sich schon einmal eine sehr gute Voraussetzung für energetisches Wohnen ist. Die von uns nach Rückgabe des Hauses eingebaute und vor wenigen Jahren erneuerte Gaszentralheizung tut ihre sehr guten Dienste, aber natürlich muss die Bürgerstiftung als neuer Besitzerin wie alle anderen Hausbesitzer über Alternativen in den nächsten Jahren nachdenken. Die bei der Sanierung vor 30 Jahren eingebauten Thermoverglasungen in den großen Atelierfenstern haben hervorragend funktioniert und gedämmt.

Was wird sich für die Mieter des Hauses ändern?
Katrin Sachs:
Wir werden die Mieten im Rahmen des gesetzlich Möglichen anheben müssen, aber wir heben von einem spektakulär günstigen Niveau für Loschwitz an. Bei Neuvermietungen werden wir uns dann am aktuell üblichen Mietpreis orientieren.

Welche weiterführenden Ideen gibt es für das Haus?
Katrin Sachs:
Die Dinge werden sich organisch entwickeln. Naturgemäß wird sich in den nächsten Jahren eine Verjüngung der Bewohner ergeben. Ich wünsche mir private Stifter für Teilstipendien, die auch ganz jungen Künstlern verschiedener Disziplinen das Arbeiten in Loschwitz für eine Zeit ermöglicht. Der Ruf von Dresden als Kunst- und Kulturstadt liegt auch an guten Arbeitsbedingungen für junge Künstler.
Die oberste Prämisse aber ist die Vollzeit-Produktivstellung der Ateliers.

Das Haus wird zuweilen als Trutzburg wahrgenommen. Kann es öffentlicher werden?
Katrin Sachs:
Der offene Geist war ja immer da und die Räume bieten sich gut für eine Öffnung an – aber nur, wenn die Bewohner das auch mittragen.
Martin Steude: Es wäre z. B. auch ein Lesecafé – verbunden mit einem Archiv des Hauses – denkbar. Meine Schwester Anne hat einen unglaublichen Fundus von materiellen und immateriellen Zeitzeugnissen über 125 Jahre Geschichte des Künstlerhauses zusammengetragen.

Wie wurde der Kauf des Künstlerhauses innerhalb der Bürgerstiftung aufgenommen?
Katrin Sachs:
Wir haben alle Feuer gefangen: Vorstand, Anlageausschuss und Stiftungsrat. Ich habe selten so viel Zustimmung erlebt.

Die Fragen stellte Jürgen Frohse

Zitat:
»Nach meiner Rückkehr aus Italien im Sommer 1894 wurden die Zusammenkünfte bei Mutter Unger wieder aufgenommen. Hier kam der Plan zur Erbauung von Künstler-, Werk und Wohnstätten, die ich in Rom gefasst hatte, mit dem Künstler-Atelier-Haus an der Pillnitzer Landstraße … zur Reife – meine von größtem Idealismus getragene baukünstlerische Jugendsünde, welche mich nun lebenslang mit Loschwitz verband.« Martin Pietzsch

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