Emil Hermann Nacke – Sachsens erster Automobilbauer

Neu auf dem Buchmarkt und anregend für Heimat- und Familienforscher

E. H. Nacke (links) mit seinem rechtsgesteuerten „Coswiga“ zu Besuch bei Pfarrer Schüttoff und dessen Familie in Constappel bei Gauernitz, um 1903 Foto: Sammlung Maria Hempel

E. H. Nacke (links) mit seinem rechtsgesteuerten „Coswiga“ zu Besuch bei Pfarrer Schüttoff und dessen Familie in Constappel bei Gauernitz, um 1903
Foto: Sammlung Maria Hempel

In der Schriftenreihe des Verkehrsmuseums Dresden erschien unlängst eine Biografie über „Sachsens ersten Automobilbauer” Emil Hermann Nacke (1843 – 1933). Obwohl sich seine Maschinen- und Automobilfabrik in Kötitz bei Coswig befand, hat der Inhalt dieses Bandes einige „Elbhangbezüge”.

Das vom Verkehrsmuseum herausgegebene Buch wurde durch das Loschwitzer Unternehmen FRIEBEL Werbeagentur und Verlag gestaltet und enthält auf mehr als 200 Seiten umfangreiches Bildmaterial, das zum großen Teil erstmals veröffentlicht wird. Auch unser, vom Weißen Hirsch stammender, gelegentlicher Gastautor Klaus Gebhardt war als „Äthiopienexperte” (Erkundungen in Sachen „Dr. Max Steinkühler”) an den Recherchen zum Buchkapitel „Im Nacke-Motorwagen nach Abessinien” beteiligt.

Diesen „Doppel-Phaeton“ der Automobilfabrik Nacke (nicht zu verwechseln mit dem VW Phaeton der heutigen „Gläsernen Manufaktur“) erhielt Kaiser Menelik II von Abessinien, dem heutigen Äthiopien, 1908 als Geschenk von einem deutschen Geschäftsmann. Nach der abenteuerlichen Durchquerung von Flüssen und Wüsten konnte der Kaiser (links hinter dem Lenkrad stehend) das Fahrzeug in Addis Abeba in Empfang nehmen, es war das erste einsatzfähige Motorfahrzeug in dem afrikanischen Land. Über den Verbleib des Oldtimers ist, trotz intensiver Suche, bis heute nichts bekannt. Leider konnte auch Prinz Asfa-Wossen Asserate, Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers, der danach gefragt wurde, nicht weiterhelfen. (Eelbhang-Kurier 8/05)  Foto: Sammlung Stadtarchiv Coswig

Diesen „Doppel-Phaeton“ der Automobilfabrik Nacke (nicht zu verwechseln mit dem VW Phaeton der heutigen „Gläsernen Manufaktur“) erhielt Kaiser Menelik II von Abessinien, dem heutigen Äthiopien, 1908 als Geschenk von einem deutschen Geschäftsmann. Nach der abenteuerlichen Durchquerung von Flüssen und Wüsten konnte der Kaiser (links hinter dem Lenkrad stehend) das Fahrzeug in Addis Abeba in Empfang nehmen, es war das erste einsatzfähige Motorfahrzeug in dem afrikanischen Land. Über den Verbleib des Oldtimers ist, trotz intensiver Suche, bis heute nichts bekannt. Leider konnte auch Prinz Asfa-Wossen Asserate, Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers, der danach gefragt wurde, nicht weiterhelfen. (Eelbhang-Kurier 8/05)
Foto: Sammlung Stadtarchiv Coswig

Außerdem war und ist Emil Hermann Nacke auf dem Weißen Hirsch und in Blasewitz kein Unbekannter. So wohnte zum Beispiel der Fabrikant Kurt Kirchbach (1891 – 1967) auf dem Weißen Hirsch. Er war der Gründer der Kirchbach’schen Werke Coswig, die zum Beispiel Brems- und Kupplungsbeläge an Nackes Fabrik lieferten. In Blasewitz, Tolkewitz, Johannstadt und Loschwitz wiederum kann man einigen Nachkommen des Constappler Pfarrers Ehregott Hermann Schüttoff (1846 – 1919) begegnen, der ein Freund von Emil Nacke war und ebenfalls in diesem Band verewigt ist.

„Wer sitzt denn da neben unserem Großvater Schüttoff am Lenkrad?“ fragten sich dessen Enkelin Maria Hempel (80, Tolkewitz) und Urenkelin Tabea Voigt beim Betrachten der auf dem ehemaligen Pfarrhof in Constappel entstandenen Aufnahme. Wie die beiden wussten, konnte sich Pfarrer Schüttoff, Vater von 12 Kindern, in seinen immerhin 42 Dienstjahren kein Auto leisten. Von den Buchautoren erfuhren sie, dass der Freund ihres Großvaters der Kötitzer Automobilbauer E. H. Nacke war. Nacke benutzte damals die Niederwarthaer Brücke, um von Coswig aus auf die andere Elbseite zu gelangen. Allerdings war das Fahrzeug nur für vier bis fünf Personen zugelassen. Foto: Jürgen Frohse

„Wer sitzt denn da neben unserem Großvater Schüttoff am Lenkrad?“ fragten sich dessen Enkelin Maria Hempel (80, Tolkewitz) und Urenkelin Tabea Voigt beim Betrachten der auf dem ehemaligen Pfarrhof in Constappel entstandenen Aufnahme. Wie die beiden wussten, konnte sich Pfarrer Schüttoff, Vater von 12 Kindern, in seinen immerhin 42 Dienstjahren kein Auto leisten. Von den Buchautoren erfuhren sie, dass der Freund ihres Großvaters der Kötitzer Automobilbauer E. H. Nacke war. Nacke benutzte damals die Niederwarthaer Brücke, um von Coswig aus auf die andere Elbseite zu gelangen. Allerdings war das Fahrzeug nur für vier bis fünf Personen zugelassen.
Foto: Jürgen Frohse

Aus der Einleitung des Buches

„Ich hatte jedoch … nicht … die Autoindustrie nach Sachsen gebracht”, bekannte August Horch in seiner 1937 erschienenen Autobiografie „Ich baute Autos”. „Ein Herr Nacke hatte schon in den Jahren 1900/1901 in Coswig einige Wagen gebaut, sonst wären in der Tat wir es gewesen, welche in Sachsen die ersten Autos bauten.” Der Name Horch ist als Person und als Fahrzeugmarke heute noch überall bekannt. Wer aber war „Herr Nacke”?

Nicht einmal 80 Jahre sind seit dem Tod von Emil Hermann Nacke vergangen, aber sein Name ist fast völlig vergessen. Nacke war jedoch nicht nur der erste Automobilbauer in Sachsen, als außergewöhnliche Unternehmerpersönlichkeit und allseitiger Ingenieur erwarb er sich mit seiner Maschinen- und Automobilfabrik einen Ruf, der weit über die Grenzen Sachsens und Deutschlands hinausreichte. Sein Engagement für den sächsischen Automobilbau allein wäre Grund genug, sich seiner zu erinnern.

Auf der Ausflugsfahrt des Coswiger Turnvereins mit einem Nacke-Omnibus, Halt in Arbesau am österreichischen Denkmal, 1912. Foto: Sammlung Bernd Hauptvogel

Auf der Ausflugsfahrt des Coswiger Turnvereins mit einem Nacke-Omnibus, Halt in Arbesau am österreichischen Denkmal, 1912.
Foto: Sammlung Bernd Hauptvogel

Eine Besonderheit unterscheidet Nacke allerdings von Automobilherstellern wie Horch, Benz oder Daimler. Mit dem Automobilbau, der unmittelbar an seine Person gebunden war, frönte Nacke seiner technischen Leidenschaft. In erster Linie betrieb er jedoch seine Maschinenfabrik, die ihm finanzielle Sicherheit bot.

Einen weiteren Anlass, an Nacke zu erinnern, bot im Jahr 2004 eher zufällig wiederum August Horch – und zwar mit dem 100-jährigen Firmenjubiläum der Horch & Cie. In Zwickau feierte man „100 Jahre Automobilbau in Westsachsen”. Doch die Medien verkürzten das Ereignis häufig schlagwortartig zu „100 Jahre Automobilbau in Sachsen”. Man hätte es fast glauben können.

Offiziell beginnt die Geschichte des Automobilbaus in Deutschland Mitte der 1880er Jahre mit Daimler und Benz. Der breite Durchbruch der „Motorwagen” erfolgte jedoch zunächst nicht im Heimatland der Erfinder, sondern in Frankreich. Erst um 1895 wurden im damaligen Deutschland immer mehr Automobilfabriken gegründet.

Emil Nacke vor dem Bürogebäude seiner Fabrik, um 1930. Foto: Sammlung Toller

Emil Nacke vor dem Bürogebäude seiner Fabrik, um 1930.
Foto: Sammlung Toller

2005 widmete sich eine Sonderausstellung des Verkehrsmuseums Dresden in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Coswig dem Leben und der Lebensleistung von Emil Hermann Nacke. Ihr Titel lautete „Er baute Autos” – in Anspielung auf den Titel der August-Horch-Biografie. Ermutigt durch den hohen Zuspruch der Ausstellung und den vielfach geäußerten Wunsch nach einer Veröffentlichung, wurde die Gemeinschaftsarbeit fortgesetzt und mit diesem Buch vollendet. Es bietet nicht nur Oldtimerfreunden, sondern auch regionalgeschichtlich Interessierten eine aufschlussreiche Biografie des Automobilbauers Nacke, die untrennbar mit der Firmengeschichte verbunden ist. Gleichzeitig gibt der Band Einblicke in die frühe Geschichte des Automobilbaus sowie in die sächsische Industriegeschichte. Aufbauend auf dem Inhalt der Sonderausstellung war die Annäherung an Nackes Persönlichkeit dennoch schwierig, da man sich weder auf ein Firmenarchiv noch auf einen privaten Nachlass stützen konnte und die Spurensuche mache Überraschung bereithielt.

Der von Nacke im Lkw-Bau eingesetzte „geräuschlose Schneckenantrieb“ war ein Produkt der Maschinenfabrik PEKRUN Coswig (heute GEC AntriebsSystem), deren Besitzer Hermann Arthur Pekrun mit dem Pomologen vom Weißen Hirsch, Karl Arthur Pekrun, verwandt war (siehe Elbhang-Kurier 6/2007). Foto: Sammlung Verkehrsmuseum Dresden

Der von Nacke im Lkw-Bau eingesetzte „geräuschlose Schneckenantrieb“ war ein Produkt der Maschinenfabrik PEKRUN Coswig (heute GEC AntriebsSystem), deren Besitzer Hermann Arthur Pekrun mit dem Pomologen vom Weißen Hirsch, Karl Arthur Pekrun, verwandt war (siehe Elbhang-Kurier 6/2007).
Foto: Sammlung Verkehrsmuseum
Dresden

Die inzwischen in Archiven, Bibliotheken und anderen Institutionen gefundenen Bruchstücke ergaben – zusammen mit wertvollen Berichten von Zeitzeugen – ein umfassenderes Bild von Nackes Leben und Wirken als bisher bekannt war. Dennoch sind Verkehrsmuseum Dresden und Stadtarchiv Coswig ständig an ergänzenden Fakten und Materialien zur Vervollständigung ihrer Sammlungen interessiert und für Hinweise aller Art dankbar.

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Fahrer mit Goliath-Dreirad bei der Auslieferung in der Blasewitzer Hochuferstraße, um 1930. Foto: Dr. Georg Jäkel

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