Buch Dresden 1951 – 2006

Richard Wagner – wie er auch war

In einem Anekdoten-Büchlein geblättert…

„Damen werden nur acceptirt, wenn sie sich über eine kräftige Walkürengestalt ausweisen können“

„Damen werden nur acceptirt, wenn sie sich über eine kräftige Walkürengestalt ausweisen können“

Das beginnende Richard-Wagner-Gedenkjahr wird wahrscheinlich von manchem Pathos begleitet sein. Aber dem Sinn für Humor und der selbstironischen Fabulierlust des Meisters – nicht zuletzt angeregt durch die schriftstellerische Begabung seines „vortrefflichen“ Stiefvaters, des Schauspielers Ludwig Geyer – verdanken wir zahlreiche „Wagner-Anekdoten“; von diesen hat Erich Kloss, „aus den besten Quellen geschöpft“, bereits 1908 einige veröffentlicht (Verlag Schuster&Loeffler, Berlin-Leipzig), und dabei wird selbstverständlich auch das Elbhangumfeld gestreift:

Eines der frühesten Anekdoten-Begebnisse spielte im Feriendomizil Loschwitzer Ziegengrund, wo die Kinder Richard und seine geliebte Stiefschwester Cäcilie einen ausgehöhlten und mit einer Grimasse verzierten Kürbis immer wieder den Hang herunterrollen ließen mit dem Ergebnis, dass der im Kürbis aufbewahrte Schlüssel samt Türklinke des Loschwitzer Sommerhauses der Familie dabei verloren gingen (Wagner-Epigonen könnten aus dieser Episode vielleicht ein Halloween- Musical ableiten, zumal das besagte Sommerhaus an der Grundstraße – gleich unterhalb der Rißweg-Einmündung – noch erhalten ist). – Aus Wagners Kinder- und Jugendjahren in Dresden, von manchen Loschwitzer und Blasewitzer Freundschaften begleitet, ist die „akrobatische Geschicklichkeit des Knaben“ überliefert, die bis ins Alter andauerte. „Mehrfach wird berichtet, dass er sich vor Freude über einen unerwarteten Besuch, ein beglückendes Ereignis oder aus Übermut auf den Kopf gestellt habe“ und noch als 60-Jähriger bühnenreif „mit jugendlicher Behendigkeit einen Apfelbaum erkletterte“. Ebenso behende (von den Blasewitzer Avenarius-Verwandten überliefert) sprang der junge Richard auf ein Fuhrwerk, wenn er sich gelegentlich einer mitternächtlichen Heimkehr aus Blasewitz an der Mauer des Eliasfriedhofes „vor den Geistern, die ihn nicht kriegen sollten“, fürchtete. Sehr früh entwickelte er „ein instruktives Gefühl der Verehrung“ für die großen Geister der Musik. Als er – siebenjährig – seinem todkranken Stiefvater am Klavier Webersche Freischütz-Melodien vorspielte, meinte Ludwig Geyer, zu Wagners Mutter gewandt: „Sollte er vielleicht Talent zur Musik haben?“. Als Weber wenig später (um 1822) das Wagnersche Elternhaus besuchte, flüsterte der junge Richard zu Schwester Cäcilie, dem „niedlichen dunkelhaarigen Mädchen“: „Du, der da ist der größte Mann, der lebt! Du, wie groß der ist, das kannst du gar nicht begreifen!“.

Wagner begriff es wohl, als er 1843 den ehemals von C. M. von Weber wahrgenommenen Posten des „Hoftheaterkapellmeisters“ in Dresden übernahm, eine Stelle, die er 1849 bekanntlich „als politischer Flüchtling und Verbannter“ verließ. – Wagners erste dramatische Versuche (noch als Kreuzschüler in Dresden) galten nicht der Oper, sondern seinem zwischen Hamlet und Lear angesiedelten Trauerspiel „Leubold“, das er so charakterisierte: „Der Plan war äußerst großartig; 42 Menschen starben im Verlaufe des Stücks, und ich sah mich bei der Aufführung genötigt, die meisten als Geister wiederkommen zu lassen, weil mir sonst in den letzten Akten die Personen ausgegangen wären“. – Zu seinem bühnenreifen Opernerstling „Rienzi“ (bekanntlich um 1837 im Gasthof Blasewitz „skizziert“ und von Lokalpatrioten als Blasewitzer Schlüsselwerk stilisiert) äußerte er sich Jahrzehnte später bei einem Bankett in Dresden eingedenk der „ungeheuer dicken Rienzi-Partitur“ mit leichter Ironie: „… Es war der arme ‘Rienzi’, der jetzt noch dann und wann als gerupfte Henne hier (in Dresden) vorgeführt wird“ (die erfolgreiche Dresdner Uraufführung von 1842 hatte ihm immerhin die Ernennung zum Hofkapellmeister eingebracht). – Solch lockere Rede stieß nicht immer auf Gegenliebe. Robert Schumann, den Wagner wohl in Dresden (oder gar in Loschwitz?) gelegentlich traf, meinte: „Für mich ist Wagner unmöglich; er ist gewiss ein geistreicher Mensch, aber er redet in einem fort. Man kann doch nicht immer reden“. Bei anderer Gelegenheit äußerte sich Wagner: „Wir stehen äußerlich gut miteinander; aber mit Schumann kann man nicht verkehren: er ist ein unmöglicher Mensch: er redet gar nichts“. Die Dresdner Staatskapelle sonnt sich bisweilen an Wagners Lob von der „Wunderharfe“. Aber auch die Musiker der Wiener Hofoper ließen sich seine Zuneigung gefallen. „Als am Abende der Lohengrin-Vorstellung im zweiten Akt das Nachspiel des Duettes kam, legte Wagner angesichts des schönen warmen Tons der Wiener Geiger seinen Taktstock aufs Pult, ließ das Orchester selbständig weiterspielen und lächelte vergnügt über seinen Spaß …“; zu den Geigern gewandt meinte er: „Sie haben das ja viel schöner gespielt, als ich es komponiert habe“.

Im Sommer 1823 verbrachte Richard Wagner als Zehnjähriger mit seinen Eltern einige Wochen im Haus Grundstraße 49.  Foto: Wolfgang Nützenadel

Im Sommer 1823 verbrachte Richard Wagner als Zehnjähriger mit seinen Eltern einige Wochen im Haus Grundstraße 49.
Foto: Wolfgang Nützenadel

Angesichts des stürmischen Zwischenbeifalls meinte der Meister: „Mir kommt vor, es gefällt dem Publikum noch besser, wenn ich n i c h t dirigiere!“. – Mit Hilfe solcher „Verzichte“ (von Wagner- Kenner Thielemann noch nicht probiert) könnte die heutige Semperoper vielleicht Honorare sparen, zumal sie für Publikum, Orchester und Dirigent gratis ein ausgezeichnetes Raumklima bietet. Wagner hatte es da schwerer. In einer Walküre-Probe im Festspielhaus Bayreuth ließ er sich „an einem besonders heißen Nachmittage“ von einem Inspizienten ein Glas Bier bringen. Bei anderer Gelegenheit bekannte Wagner: „Wenn ich nach einem Konzert so ganz und gar fertig bin, habe ich nur ein Mittel gefunden, das mir wieder auf die Beine hilft: einen guten schweren Burgunder in ein großes Bierglas gegossen und auf einen Zug runter damit …“

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