Schätze der Freundschaft

Wiederentdeckung einer Porträtsammlung: Das Carus-Album. Die Städtische Galerie Dresden präsentiert in ihren Ausstellungsräumen im Landhaus vom 25. Juni bis 27. September 2009 eine einzigartige Sammlung von gezeichneten Künstlerbildnissen des 18. und 19. Jahrhunderts – das sogenannte Carus-Album.

„Alle Wände ihres Arbeitszimmers waren mit den Bildnissen derartiger Personen so reichlich geschmückt, dass man fast nirgends eine Spur von Tapete erblicken konnte. Selbst die Türen und die Innenseiten der Fensterpfeiler waren mit kleinen Miniaturen, Kupferstichen oder Silberstiftzeichnungen interessanter Menschen behangen. Es war ein wahres Pantheon der Freundschaft, in welchem Elisa als hohe Priesterin waltete […].“(1)

Carl Gustav Carus (1789 – 1869) Selbstbildnis, 1822. Abbildung: Städtische Galerie Dresden, Foto: Franz Zadnicek

Carl Gustav Carus (1789 – 1869) Selbstbildnis, 1822.
Abbildung: Städtische Galerie Dresden, Foto: Franz Zadnicek

Freundschaft und Geselligkeit wurden seit Mitte des 18. Jahrhunderts unter dem aufgeklärten Bürgertum, unter Künstlern, Schriftstellern, Philosophen und Gelehrten zum Mittelpunkt einer neuen Lebensanschauung und -orientierung. Man traf sich in Gesprächskreisen, und in den Salons stellten Dichter und Künstler ihre Werke einem interessierten Publikum vor. Die Salons und Arbeitszimmer waren wie bei Elisa von der Recke mit Bildnissen geschmückt. Bildnisse hingen als Vorbilder in den Studierstuben, sie waren Betrachter des Geschehens und auch „Ersatz“ der nicht immer anwesenden Freunde und verehrten Kollegen. Der Buchhändler Philipp Erasmus Reich schuf sich in Leipzig seine private Porträtgalerie. In Halberstadt eiferte ihm Johann Wilhelm Ludwig Gleim mit seinem „Tempel der Musen und der Freundschaft“ nach und in Dresden umgab sich Carl Christian Vogel von Vogelstein mit einer „Galerie berühmter Zeitgenossen“. In einem Brief schrieb Gleim an Samuel Gotthold Lange: „Ich will in meinem Cabinet meine Freunde um mich herum hängen; sie sollen sehen, was ich mache, und die Erinnerung ihrer Tugenden soll meine Lehrerin seyn.“

Auch das Carus-Album ist ein solcher „Freundschaftstempel“. In ihm sind viele der wichtigen Dresdner Künstler des 18. und frühen 19. Jahrhunderts versammelt: Vertreter des Klassizismus, Romantiker, Nazarener; Historien-, Landschafts- und Porträtmaler, aber auch Architekten und Bildhauer. Die Reihe der Namen ist lang, sie reicht von Carl Gustav Carus über Johan Christian Clausen Dahl, Caspar David Friedrich, Anton Graff, Georg Friedrich Kersting, Gerhard von Kügelgen, Anton Raphael Mengs, zu Ernst Rietschel, Johann Gottfried Schadow, Johann Eleazar Schenau und Carl Christian Vogel von Vogelstein.

Caspar David Friedrich (1774 – 1840) Selbstbildnis, um 1805/09. Abbildung: Städtische Galerie Dresden, Foto: Franz Zadnicek

Caspar David Friedrich (1774 – 1840) Selbstbildnis, um 1805/09.
Abbildung: Städtische Galerie Dresden, Foto: Franz Zadnicek

Erstmals seit über 60 Jahren sind nun alle Bildnisse des Carus-Albums wieder gemeinsam in einer Ausstellung zu sehen. Die spannende und wechselvolle Geschichte der Sammlung ist kaum jemandem bekannt. Seinen Namen verdankt das Album seinem letzten Besitzer. So nahm man auch lange Zeit an, der passionierte Kunstsammler Carus (1789 – 1869) habe die Bildnissammlung selbst zusammengetragen. Doch vieles blieb rätselhaft: Warum vereinte Carus gerade diese Porträts, da er doch viele der porträtierten Künstler kaum oder gar nicht kannte? Warum enthielt das Album Bildnisse, die bereits Jahre vor der Ankunft des Arztes in Dresden entstanden waren? Die überraschende Antwort fand die Kunsthistorikerin Angela Böhm beim umfangreichen Akten- und Literaturstudium für ihre Magisterarbeit, in der sie sich mit dem Carus-Album beschäftigte: Nicht von Carus wurde das Album angelegt, sondern vermutlich schon viel früher von dem Dresdner Künstler und Akademieprofessor Jacob Seydelmann (1750 – 1829) und seiner Frau Apollonia Seydelmann (1764 – 1840), selbst Miniaturmalerin, unterhielt in Dresden einen Salon, in dem sich Künstler, Schriftsteller und Gelehrte trafen. Mehr als die Hälfte der in dem Album befindlichen Bildnisse könnte ihren Ursprung in der Sammlung Seydelmann haben. Vor allem Zeichnungen von Freunden und Künstlerkollegen des Paares – oft mit einer Widmung versehen – wurden in das Stammbuch aufgenommen, so z. B. das Selbstbildnis von Caspar David Friedrich oder das Porträt der Künstlerin Caroline Bardua, das einzige eigenhändige Frauenbildnis im Album.

1856 erwarb der Dresdner Maler, Arzt, Naturwissenschaftler und Kunstsammler Carl Gustav Carus die Porträtsammlung von den Nachkommen des Künstlerpaares und erweiterte das Album um Bildnisse jener Künstler, denen er persönlich verbunden oder die ihm als künstlerische Vorbilder wichtig waren. So kamen die Porträts von Georg Friedrich Kersting (eines der wenigen überhaupt bekannten Selbstbildnisse), Johan Christian Clausen Dahl und Carl Chris-tian Vogel von Vogelstein hinzu. Auch sein eigenes Porträt fügte er wohl selbst ein. Ende des 19. Jahrhunderts gelangte das Album direkt aus dem Nachlass Carus in die Städtischen Sammlungen und wurde in den Ausstellungsräumen des Stadtmuseums präsentiert. Später allerdings, im Laufe der Jahre, der sich wandelnden Moden und Kunstvorlieben, geriet die einst hoch geschätzte Sammlung aus dem Blickfeld von Forschung und Öffentlichkeit und so in Vergessenheit, um nun noch einmal „neu entdeckt“ zu werden.

Carl Gustav Carus: Landhaus Carus in Pillnitz Abbildung: Städtische Galerie Dresden, Foto: Franz Zadnicek

Carl Gustav Carus: Landhaus Carus in Pillnitz
Abbildung: Städtische Galerie Dresden, Foto: Franz Zadnicek

37 der einstmals 40 Zeichnungen befinden sich noch heute im Bestand der Städtischen Galerie. Drei Blätter gelten als Kriegsverlust, sie gingen während der Auslagerung der Kunstwerke verloren.
Nur für kurze Zeit bietet sich jetzt die Gelegenheit, dieses einzigartige Konvolut seltener und vortrefflicher Porträts im Original zu bewundern. Die zarten und sensiblen Zeichnungen dürfen nur selten dem Tageslicht ausgesetzt werden. Bei längerer Ausstellungszeit verblassen die Farben und das Papier beginnt zu altern und zu vergilben. Die wertvollen Arbeiten auf Papier brauchen ihre „Ruhezeiten“, damit sie auch noch für nachfolgende Generationen erhalten bleiben. So werden dann Caspar David Friedrichs berühmtes Selbstbildnis und alle anderen Porträts für mehrere Jahre in die dunkle, schützende Grafikschatulle „verschwinden“ müssen, bis sie wieder in einer Ausstellung präsentiert werden können.

Das Album vereint Porträts berühmter Künstlerpersönlichkeiten mit Bildnissen nahezu unbekannter Künstler wie Johann Anton Riedel oder Theodor Valerio. Am Elbhang waren viele von ihnen „zu Hause“. Der Namensgeber des Albums, Carl Gustav Carus, wurde 1814 als Professor für Geburtshilfe und als Leiter der neu gegründeten Entbindungsanstalt nach Dresden berufen. Er verbrachte seit 1827 die Sommer im Pillnitzer Schloss, 1832 erwarb er, um vom Hof unabhängig zu sein, in Pillnitz ein kleines Landhaus, das heutige Parkcafé auf der Orangeriestraße. Hier traf er sich im geselligen Kreis mit seinen Freunden Caspar David Friedrich, Johan Christian Clausen Dahl, Eduard Bendemann und Julius Hübner, hier entstanden viele seiner Gemälde und Zeichnungen.

Anton Raphael Mengs (1728 – 1779), um 1772.  Zeichnung eines unbekannten Künstlers. Abbildung: Städtische Galerie Dresden, Foto: Franz Zadnicek

Anton Raphael Mengs (1728 – 1779), um 1772.
Zeichnung eines unbekannten Künstlers.
Abbildung: Städtische Galerie Dresden, Foto: Franz Zadnicek

Das Bildnis des sächsischen Hofmalers Carl Christian Vogel von Vogelstein, ein Doppelporträt mit seinem 14-jährigen Sohn Johannes, ist eine der wenigen Atelierszenen im Album. Der Künstler stellte sich an der Staffelei sitzend, mit der einen Hand die Palette, mit der anderen die seines Sohnes haltend in seiner vertrauten Umgebung dar, als wolle er gleich mit der Arbeit beginnen. Carl Christian Vogel von Vogelstein verdanken wir das Altarbild und die wunderschönen Wandfresken in der Katholischen Schlosskapelle in Pillnitz. Auch die Wandmalereien im Festsaal des Neuen Palais´ sind von seiner Hand.

Sommer für Sommer zog es den Historienmaler Gerhard von Kügelgen, in dessen Dresdner Haus „Gottessegen“ (das heutige Kügelgenhaus auf der Hauptstraße) sich regelmäßig Künstler, Schriftsteller und Schüler trafen, mit seiner Familie nach Loschwitz. 1819 kaufte er ein Wein­berggrundstück an der heutigen Leonhardistraße.

Auch Caspar David Friedrich und Julius Hübner lebten und arbeiteten zeitweise in Loschwitz und ließen sich von der künstlerisch anregenden und befreienden Atmosphäre des „Elbhanges“ inspirieren. Friedrich versammelte während der Napoleonischen Fremdherrschaft in seinem Atelier einen Kreis von freiheitsliebenden Intellektuellen und Künstlern um sich, dem auch Kügelgen und Kersting angehörten. Kersting, der wohl kompromissloseste Freiheitskämpfer der Gruppe, zog als Offizier bei den Lützower Jägern in die Befreiungskriege.

Doch der Freiheitsdrang der Künstler richtete sich nicht nur gegen äußere, sondern auch innere Zwänge. So schrieb Friedrich 1813 an Ernst Moritz Arndt: „Solange wir Fürstenknechte bleiben, wird auch nie etwas Großes derart geschehen. Wo das Volk keine Stimme hat, wird dem Volk auch nicht erlaubt, sich zu fühlen und zu ehren“. In jener Zeit wurde gerade auch am Elbhang eine Tradition bürgerlichen Engagements für Recht und Freiheit begründet, die über Jahrhunderte wechselvoller Geschichte bis heute erhalten blieb.

Georg Friedrich Kersting (1785 – 1847) Selbstbildnis, 1814. Abbildung: Städtische Galerie Dresden, Foto: Franz Zadnicek

Georg Friedrich Kersting (1785 – 1847) Selbstbildnis, 1814.
Abbildung: Städtische Galerie Dresden, Foto: Franz Zadnicek

In der Städtischen Galerie Dresden bietet sich nun allen Kunstinteressierten und Dresden-Liebhabern die Möglichkeit, für drei Monate in der Ausstellung „Bündnis der Freundschaft – Das Carus-Album. Eine Porträtsammlung und ihre Geschichte“ die Versammlung hervorragender Köpfe zu bewundern und in dem zur Ausstellung erscheinenden Katalog mehr über die Künstler und die Geschichte des „Carus-Seydelmann-Albums“ zu erfahren.

Kristin Gäbler

  1. Bericht des Bibliothekars und Schriftstellers Karl Falkenstein nach einem Besuch bei Elisa von der Recke.

Verwendete Literatur:

  • Schmidt, Angela, Das Carus-Album der Städtischen Galerie Dresden. Eine grafische Porträtsammlung des 19. Jahrhunderts, (Magisterarbeit) Dresden 2008
  • Haenel, Erich/Kalkschmidt, Eugen, Das alte Dresden, Bindlach 1996
  • Hinz, S., Caspar David Friedrich in Briefen und Bekenntnissen, Berlin 1968
  • Literaturmuseum „Das Gleimhaus“, Halberstadt, Brief von Gleim an Samuel Gotthold Lange vom 1.-2. Juli 1745
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Veröffentlicht unter Artikel aus der Print-Ausgabe, Bildende Kunst, Kunst und Kultur
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