Was das gelebte Leben zählt und auf welche Gedanken es bringt

Am Anfang des Buches „Auch im falschen gibt es ein richtiges Leben“ steht die Freude über die deutsche Einheit. Aber damit ist nicht alles gesagt.

Beim Erzählen, wie es war mit der Wiedervereinigung vor dreißig Jahren, stellt der in Dresden-Bühlau aufgewachsene Autor heute die Frage, ob damals alles richtig gelaufen ist. Der auf Mündlichkeit abhebende Ton fördert den Eindruck, der Autor sei im Gespräch mit seinen Kindern, den Enkeln und seiner Urenkelin. Schawohl stellt scheinbar gültige Aussagen über die im Rückspiegel verschwindende DDR, die Friedliche Revolution und die deutsche Wiedervereinigung in Frage. Der Autor, der Philosophie studiert hat, analysiert, was auf staatlicher Ebene geschehen ist, und setzt dazu, wie es in seinem Leben angekommen ist.

Der Frage nach dem, was war mit den beiden Deutschlands, die 1990 wieder eines wurden und noch lange nicht eines sind, geht Schawohl in seinem 200seitigen Buch im Wechselspiel aus „großer“ und „kleiner“ Welt nach. Er stellt seine biografische Skizze auf ein Fundament aus Zahlen und geschichtlichen Fakten, das es ihm ermöglicht, verschiedensten Fragen aus Vergangenheit und Gegenwart nachzugehen.

Was sein Buch eindrucksvoll macht, sind die Selbstaussagen des Autors. Er erinnert daran, dass sich sein Leben „als politisch denkender Mensch annähernd genau zur Hälfte in ein Leben vor und nach der Öffnung der Berliner Mauer“ teilt. Bei der Erinnerung an das Jahr 1989 unterschlägt er sein eigenes Versagen nicht. Der Autor war bis zum 6.November 1989 Mitglied der SED.

Warum seine Einsichten für den Leser, ob Enkel oder Gleichaltrigem, so überzeugend sind, ist der Umstand, dass er sich an keiner Stelle seines Buches zu einem macht, der es mit der DDR und ihrem Ende schon immer besser gewusst hat als die Mehrheit. In der ersten Hälfte seines „bewussten Lebens war es die Partei der Arbeiterklasse und deren Politik, zu der es keine Alternative gab“, schreibt er. Natürlich sah er spätestens ab Mitte der 80er Jahre dank Gorbatschow, dass nichts mehr alternativlos war.

Von 1983 bis Anfang 1990 betreute er als verantwortlicher Redakteur die „Dresdner Hefte“, die noch heute vierteljährlich erscheinen. In seinem Buch wird erwähnt, dass mancher Beitrag in den „Dresdner Heften“ in seiner Redaktion zu jenem geistig-kulturellen Klima beigetragen hat, das zur Herbstrevolution 1989 führte. Er schreibt dies nicht selbst über sich, sondern zitiert dafür das Urteil Anderer.

Nach einem ausführlichen Blick auf den Verlauf der Friedlichen Revolution, die er ähnlich wie Daniela Dahn als „Unvollendete Revolution“ beschreibt, geht der Autor zurück in die Erinnerungen: Einschulung, Tätigkeit in der Landwirtschaft, Erlebnis von Wende und Maueröffnung und in deren Folge acht Anläufe, einen neuen Job zu finden. Die „große Welt“ ist die Bewertung der Arbeit der Treuhand, aber auch die von Schalck-Golodkowskis Devisen-Beschaffung, die Schawohl sehr objektiv sieht. Er plädiert für eine Normalisierung der Beziehungen zu Russland und einen unverstellten Blick auf das Projekt „Neue chinesische Seidenstraße“.

Immer wieder – schon beim Rückblick auf den „Prager Frühling“ von 1968 – interessiert er sich für die Möglichkeiten eines „dritten Weges“.

Das Buch endet mit Erinnerungen an Gespräche und Diskussionen nach 1990 mit neugewonnenen Freunden und Bekannten. Er erinnert an Greta Wehner, Herbert Wehners Witwe, Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, Franz Müntefering, Hans-Jochen Vogel, Egon Bahr und Horst Teltschick.

Der Autor lässt sein Buch in einen spannenden Schluss münden. Nachdem er auf die Wahlerfolge der AfD und die erkennbare Ineffizienz der Parteiendemokratie eingegangen ist, zeigt er Wege zu mehr Teilhabe an der Gestaltung unserer Zukunft auf und entwickelt seine Vision einer aktiv gelebten Demokratie. Dafür muss man den Autor nicht zum Arzt schicken, wie Helmut Schmidt es beim Stichwort „Visionen“ zu raten pflegte, sondern das Buch lesen und mit ihm darüber streiten. Er lädt ausdrücklich dazu ein.

Michael Hametner

Buchvorstellung am 25. März 18 Uhr,
Chinesischer Pavillon, Bautzner Landstraße 17 A.

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