Wie geht es weiter mit dem Förderverein Lingnerschloss?

Die Stadt kündigt die vereinbarte Einigung mit dem Verein auf. Nun droht die Insolvenz. Letzter Versuch: ein offener Brief und eine Petition.

Die Nachricht aus der Stadtverwaltung traf den Förderverein Lingnerschloss e.V. wie ein Schock. Und komplett unvorbereitet. Heimfall – die Rückübertragung des Erbbaurechts für das Lingnerschloss-Areal an die Stadt. Ohne Entschädigung. Für den Verein hat das dramatische Konsequenzen. „Wir müssen wahrscheinlich Insolvenz anmelden. Das wird gerade geprüft“, sagte Vorstandsmitglied Ines Eschler bei einem Pressegespräch im Schloss.
2003 hatte die Stadt dem Verein das Erbbaurecht übertragen. Er hatte sich 2002 gegründet mit dem Ziel, das Lingnerschloss zu sanieren und kulturell wiederzubeleben – wie im Testament von Karl August Lingner bestimmt. Nämlich so, dass die Menschen in der Stadt wieder etwas davon hatten: vom Park, vom Schloss, von Veranstaltungen, von einer »Gastronomie zu volkstümlichen Preisen«. Unter der Leitung des Vorsitzenden Peter Lenk, ehemals Chef der Ardenne Anlagentechnik, hat der Verein seitdem brutto rund 17,5 Millionen Euro am Spenden eingeworben und in die Sanierung des Geländes und der Häuser gesteckt – vorher hatte es rund zehn Jahre lang leergestanden und war dem Verfall preisgegeben. »Das Schloss ist nun zu 90 Prozent saniert«, sagte Ines Eschler. »Torhaus und Schweizer Haus sind seit Jahren fertig.«

Lingnerschloss. Foto: Bernd Hempelmann


Von Anfang an gab es ein großes ehrenamtliches Engagement vieler Mitglieder – »15.000 bis 20.000 Stunden im Jahr«, sagte Klaus-Detlev Puchta, einer der Ehrenamtler. Sie organisierten Führungen, packten mit an, verschiedene Veranstaltungsreihen wurden auf den Weg gebracht: Konzerte, Vorträge, auch eine – mittlerweile mehrfach ausgezeichnete – Kinoreihe wurde wieder aufgelegt. Sobald es möglich war, wurden Räume des Schlosses auch wieder für Veranstaltungen und Feiern vermietet. Immer ging es darum, Geld für die Sanierung zu akquirieren – Künstler, Referenten, Mitwirkende traten fast immer ohne Honorar auf, die Eintrittsgelder flossen ins Schloss. Und der Verein konnte bei seiner Hausbank einen Kredit aufnehmen – da standen die Zeichen noch nicht auf Sturm.
Doch der Verein kam in finanzielle Schwierigkeiten. In der Corona-Zeit fielen viele Veranstaltungen aus, mit den Lingnerterrassen, Betreiber der Gastronomie im Haus und des Biergartens, gab es Streit um Geld und Mieten, interne Querelen im Verein führten zum Verlust namhafter Spender – die Einnahmen gingen zurück, die Zahl der Mitglieder ebenso. es waren einmal 400, jetzt sind es noch rund 300.
Anfang des Jahres 2023 hatte sich die Lage so verschlechtert, dass der Verein Hilfe bei der Stadt suchen musste. Und es kam zu einer Einigung, der alle zustimmen konnten – der Stadtrat beschloss sie Anfang Juli mit großer Mehrheit: Die Stadt wollte das Erbbaurecht zurück – und das Schloss sowie die Restsanierung in Eigenregie übernehmen, alle Gläubiger würden auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten, der Verein würde 700.000 Euro bekommen, um einen Teil seiner Verbindlichkeiten bei der Hausbank begleichen zu können, und er sollte die ehrenamtliche kulturelle Arbeit im Schloss fortsetzen.
So weit, so gut. Doch dann kam im November der Brief aus dem OB-Büro – zuständig: Baubürgermeister Stephan Kühn (Grüne). »Nach intensiver Suche nach einer für alle Seiten rechtlich sicheren und wirtschaftlich tragfähigen Lösung« habe sich gezeigt, schrieb er, »dass die Ausübung des sogenannten Heimfalls – dem gesetzlich und vertraglich verankerten Recht der Grundstückseigentümerin auf Rückübertragung des Erbbaurechts – die rechtlich und wirtschaftlich vernünftigere Handlungsoption darstellt«. Heißt: keine 700.000 Euro für den Verein, die Stadt übernimmt das Schloss. Und sieht sich zugleich einem drohenden Rechtsstreit gegenüber, denn die Hausbank hat bereits angekündigt, dass sie diese Lösung nicht hinnehmen werde.

Lingnerschloss. Foto: Bernd Hempelmann


Einen Grund für die Auslösung des Heimfalls – und so steht es auch im Vertrag – leitet die Stadt daraus ab, dass der Verein seit drei Jahren die Erbbaupacht in Höhe von 26.800 Euro pro Jahr nicht mehr bezahlt hat; das räumte Ines Eschler ein. Auch den Kredit bei der Bank konnte der Verein nicht mehr bedienen. Derzeit bestehen rund 930.000 Euro Verbindlichkeiten. Deswegen wären die 700.000 Euro von der Stadt so wichtig gewesen.
Die sieht sich nun aber auch der Empörung und dem Entsetzen der Vereinsmitglieder ausgesetzt. »Hier wird das Ehrenamt mit Füßen getreten«, sagte Detlef Streitenberger, Ehrenamtler und Mitglied der ersten Stunde. »Wenn wir Insolvenz machen müssen, dann ist hier zu. Kunst und Kultur finden nicht mehr statt. Die Stadt hat kein Konzept. Wir machen bestehende Strukturen kaputt, und es gibt keinen Grund dazu.« Er gab den Ärger vieler Mitstreiter wieder und fasste drastisch zusammen: »Wir fühlen uns verarscht.« Derzeit hat der Verein rund 60 aktive Ehrenamtliche, für den Dezember sind rund ein Dutzend Veranstaltungen längst geplant. Und es gibt vier festangestellte Kräfte sowie zahlreiche Minijobber.
Vorstand Ines Eschler ist nicht nur enttäuscht angesichts der Kehrtwende der Stadt, sondern auch ratlos. »Es gibt keine uns bekannten Gründe«, sagt sie, »warum das jetzt so gemacht wird.« Dabei sollte ein neuer Vorstand gewählt werden, und um auf die Stadt zuzugehen, habe man seit September an einem neuen Konzept für das Haus, Veranstaltungen und Vermietungen gearbeitet – so sei man bereit gewesen, an Freitagen und Samstagen auf eigene Veranstaltungen zu verzichten, weil das für Fremdvermietungen die attraktivsten Tage seien. Bis zur Stadt gelangten diese Vorschläge nicht mehr – nach der Heimfall-Entscheidung waren sie obsolet. Nach Ansicht von Ines Eschler kommt die Stadt »so schlechter raus als bei der anderen Variante«.
Mit einem offenen Brief haben sich die Mitglieder des Fördervereins mittlerweile an die Stadtspitze und die Fraktionen im Stadtrat gewandt – „erschüttert und bitter enttäuscht“. Man empfinde die Kehrtwende der Stadt »als grobe Missachtung unseres langjährigen ehrenamtlichen Engagements«. Mitglieder und Ehrenamtliche des Vereins »appellieren deshalb an die Stadtoberen, überdenken Sie bitte Ihre aktuelle Entscheidung und kehren Sie zurück zu den mit dem Förderverein und den Gläubigern ausgehandelten und von den Stadträten bestätigten Vereinbarungen, um eine einvernehmliche Lösung für alle Beteiligten und die Dresdner zu erreichen«.
Inzwischen wurde auch eine Petition »Das Ehrenamt im Lingnerschloss retten« eingebracht, die auf dresden.de noch bis zum 4. Januar unterzeichnet werden kann. Der direkte Link: https://www.dresden.de/de/leben/gesellschaft/buergebeteiligung/epetition.php?extForwardUrl=https%3A//apps.dresden.de/ords/f%3Fp%3D1610%3A3%3A%3A%3ANO%3A%3AP3_P_ID%3A21209

Bernd Hempelmann

Veröffentlicht unter Allgemein, Zusätzliche Artikel online