Buch Dresden 1951 – 2006

Rechtselbischer Radweg kommt nicht in Schwung – Wie weiter am Körnerweg?

Wieder beginnt ein Frühjahr, ohne dass der rechtselbische Radweg weitergebaut wird. Im Ortsamtsbereich Loschwitz mit seinen etwa zehn Flusskilometern ist von einem funktionierenden Radweg nur unterhalb der Elb­schlösser und am Loschwitzer Pappelwäldchen zu sprechen. Der weitaus größte Teil ist ausgespült und verwandelt sich nach Regengüssen in Schlammpisten. Teilweise fährt man auch über Trampelwege auf der Wiese oder nutzt den Treidelpfad.

Ausgespülte Fugen, hochstehende Steine – der Körnerweg ist eine Holperstrecke.  Foto: Holger Friebel

Ausgespülte Fugen, hochstehende Steine – der Körnerweg ist eine Holperstrecke.
Foto: Holger Friebel

Beim Bau der Pillnitzer Landstraße zwischen 1998 und 2004, bei deren Planung auch Vereine, Ortsbeirat und Anwohner involviert waren, wurde auf einen Radweg verzichtet, da die Stadt den baldigen Ausbau des Elbradweges zusicherte. Auch Fördermittel nach dem großen Elbhochwasser vor zehn Jahren kamen dem Weg, der es dringend nötig hätte, nicht zugute. Alle Fraktionen des Stadtrates betonen, wie wichtig ihnen der Ausbau ist – dennoch hat er keine Priorität. Muss im Haushalt gespart werden, ist der Radweg mit  an der Reihe. – Unglücklich, dass auch ein Beschluss des Stadtrates zur Verzögerung in der Verwaltung führte. Auf Antrag der SPD legte die Stadt jetzt ein „Konzept“ für den Ausbau der Radwege beidseitig der Elbe vor, woraus der Bearbeitungsstand ersichtlich wird. Der Weg ist in mehrere Teilabschnitte untergliedert und die Planungen sind unterschiedlich fortgeschritten. Für einen Teilabschnitt zwischen Körnerweg und Loschwitzer Brücke über die Streuobstwiese liegt die Ausführungsplanung vor. Bereits vor zwei Jahren sollte der Bau umgesetzt werden. Die Stadt setzte das Vorhaben aber auf die Streichliste. Für dieses Jahr sind die Mittel im Stadthaushalt eingeplant. Im Januar 2011 wurden dafür Fördermittel zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur beantragt. Der Antrag kann derzeit nicht bewilligt werden, da die Stadt nicht Grundstückseigentümerin der Fläche ist – wie uns die Landesdirektion mitteilte.

Für den Abschnitt vom Losch­witzer Pappelwäldchen zur „Elbterrasse Wachwitz“ sollte der Bebauungsplan im Herbst 2011 öffentlich ausliegen, aber ein Stadtratsbeschluss vom September 2011, der das Vorhaben eigentlich forcieren sollte, forderte anstelle eines drei Meter breiten einen „in der Regel fünf Meter breiten asphaltierten Fuß- und Radweg“. Die „weitfortgeschrittenen Planungen mussten aufgrund des Beschlusses jetzt neu überarbeitet werden“, teilte uns die Stadtverwaltung mit. „Insbesondere bei den erforderlichen ergänzenden Untersuchungen zu Umweltbelangen lässt sich derzeit noch kein Zeitpunkt benennen, wann die Planung abge­schlossen ist.“ Finanzmittel waren für diesen Abschnitt für den Haushalt 2013 eingestellt, was, so der Stadtratsbeschluss gültig bleibt, nicht umsetzbar sein wird. Auch alle weiteren stromaufwärts liegenden Abschnitte werden sich somit weiter verzögern.

Der umstrittenste Abschnitt ist die „Holperstrecke“ zwischen Heilstättenweg und Loschwitzer Hafen. Viele Fußgänger und alle Anwohner lieben dieses Stück, für Fahrradfahrer ist es eine Qual. Das Straßen- und Tiefbauamt suchte im letzten Jahr nach Kompromissvarianten und stellte sie in einer Einwohnerversammlung im Dezember 2011 vor. Keine Variante konnte überzeugen.

Jürgen Frohse

Sorgfältig gemauerte Böschungskonstruktion

Dass es bei der Problematik nicht nur um verschiedene Ansichten, sondern auch um technologische Fragen geht, schildert der Architekt Urs Krüger in einem offenen Brief:

Bei dem strittigen Bereich des Körnerweges handelt es sich um das etwa 650 Meter lange Teilstück zwischen dem Loschwitzer Winterhafen und dem Heilstättenweg. Der Belag aus abgerundeten Sandsteingrundstücken ist im aktuellen Zustand zweifellos eine harte Prüfung für jeden Radfahrer und auch zu Fuß nicht ganz ungefährlich zu begehen. Eine Überarbeitung der Geh­bereiche ist auf jeden Fall notwendig.

Die aktuellen Schäden haben ihre Ursache neben dem allgemeinen Alter der Anlage vor allem in unfachgemäßen Tiefbauarbeiten der 80er und 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Damals wurden eine Gasleitung sowie ein Erdkabel neu verlegt. Da die beauftragten Tiefbau-firmen in beiden Fällen mit  der Verlegung des aufgenommenen Sandsteinpflasters überfordert waren, kam es in der Folge zu Absackungen und allgemeinen Verwerfungen im Bereich der Leitungsgräben. Der Weg weist heute viele Wellen und grobe Unebenheiten auf, die ein Radfahren erheblich erschweren. Von vielen Radfahrern wird daher schon seit Jahren eine Verbesserung der Belagsoberfläche gefordert – am liebsten mit einer Asphaltierung. Bevor man über etwaige Umbauten am Körnerweg nachdenkt, muss man sich jedoch als erstes dessen Funktion und die sich daraus ableitende Bauart vor Augen führen.

Im Dresdner Stadtgebiet ist die Elbe auf der Seite des so genannten „Prallufers“ (Strömungsbelastete Außenseiten eines Flusses) durchgehend, also von Söbrigen bis Übigau, mit einer sorgfältig gemauerten Böschungskonstruktion aus Sandsteinmauerwerk begrenzt. Dieses Böschungsmauerwerk ist auf den Außenseiten der Flussbögen eingebaut worden und verhindert seit mehr als 150 Jahren wirkungsvoll ein Ausspülen der sensiblen Uferbereiche.

Der Körnerweg ist ein „Wasserbauwerk“

Im Bereich des Körnerwegs besteht die Sondersituation, dass die hangseitigen Stützmauern fast direkt im Uferbereich stehen und damit einer extrem hohen Gefahr von Aus- und Unterspülung ausgesetzt sind. Aus diesem Grunde muss die Böschungsbefestigung auf jeden Fall in direktem Zusammenhang mit Wegebelag und Mauerfuss gesehen werden. Die Stützmauern leiten dabei  direkt Schubkräfte in den Wegebelag und in die Böschung ein. Daher muss der Wegebelag als direkter Bestandteil der Mauern gesehen werden. Derartige Schubkräfte kann eine Asphaltfläche niemals aufnehmen, da der Baustoff in sich viel zu weich ist. Asphalt ist ein Strassenbelagsbaustoff – aber kein Wandbaustoff.

Weiterhin ist bekannt, dass die rauhe Oberfläche des Sandstein-pflasters zu einer Verringerung der Strömungsgeschwindigkeit bei Hochwasser führt. Auf einer glatten Asphaltfläche schießt das Wasser entlang, verursacht Ausspülungen an den Mauern und nicht zuletzt am Weg selbst.

Um derartiges „Auskolken“ von Brückenpfeilern oder Wasserbauwerken dauerhaft zu verhindern, werden Fundamentbereiche immer mit groben Bruchschotter oder eben möglichst unebenen Gesteinsoberflächen eingepackt, da so die Fließgeschwindigkeit in derartig sensiblen Bereichen gesenkt wird. Der Körnerweg muss, bedingt durch die mehrmaligen Hochwässer im Jahr, auf jeden Fall als Wasserbauwerk angesehen werden.

Die übrigen Argumente, die gegen einen Ausbau des Pflasters sprechen, wie Denkmalschutz und Schaffung eine Radrennstrecke ohne Ausweichmöglichkeiten von Fußgängern und Kindern, sind bereits mehrfach genannt worden und sollen hier nicht Thema sein.

Fußgänger fühlen sich auf dem Weg wohl, Radfahrer nutzen die schmale Kante an der Böscung, wo sich etwas Sand abgelagert.  Foto: Holger Friebel

Fußgänger fühlen sich auf dem Weg wohl, Radfahrer nutzen die schmale Kante an der Böschung, wo sich etwas Sand abgelagert hat.
Foto: Holger Friebel

Denkmalschutz erfordert Sorgfalt

Der Sandsteinbelag sollte abschnittsweise aufgenommen und neu verlegt werden. In diesem Zusammenhang sollte auch der seit Jahren anstehende Austausch der alten Druckwasserleitung unbedingt durchgeführt werden – damit der Weg nicht schon bald wieder geöffnet werden muss. Außerdem müssen die im Laufe der Jahre im Randbereich des Weges und der Böschung gewachsenen Bäume entfernt werden, da deren Wurzeln zu erheblichen Schäden führen und den Wegebelag anheben.

Mit der Neuverlegung ist auf jeden Fall eine Naturstein-Fachfirma zu beauftragen. Ein normales Tiefbauunternehmen ist damit von vornherein überfordert (Einbeziehung eines Steinmetzbetriebes erforderlich). Der Körnerweg stellt in diesem Teilstück ein 150-jähriges Ingenieurbauwerk dar, welches dank einer sehr soliden und vorausschauenden Planung/Ausführung bisher störungsfrei funktioniert hat. Eine Oberflächenqualität, wie auf einem normalen Betonsteinweg wird man niemals erreichen, aber das ist in diesem Fall aus vorgenannten Gründen auch gar nicht umsetzbar und notwendig.

Durch eine Neuverlegung der alten Steine wäre aber eine deutliche Verbesserung des Fahrkomforts erreichbar, ohne dass die Schutzfunktion des Weges für die Mauern oder der Denkmalschutz leiden würden.

Urs Krüger

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