Buch Dresden 1951 – 2006

Weg 6: »Casper-David-Friedrich-Grenzweg«

»Zeigefinger in sächsischer Landschaft«

von Dr. Michael Damme und Matthias Griebel

Februar 2024: Weg 6 »Casper-David-Friedrich-Grenzweg«

Am Fuße der Lausche

Unsere Wanderung führt uns auf einem herrlichen Rundweg fast immer entlang der Grenze zwischen Deutschland und Tschechien, besser zwischen Sachsen und Böhmen durch das wunderschöne Zittauer Gebirge. Los geht’s an der Rübezahlbaude, in Walthersdorf am Fuße der Lausche, dem mit 793 m höchsten Berg dieses Gebirges. Die ca. 16 km lange Grenz-erkundung wird auch hier wieder enden.

Blick über Waltersdorf hinweg nach Großschönau und Varnsdorf in das schöne Oberlausitzer Land. Foto: Dr. Michael Damme

Die Lausche und Großschönau:
Der Blick von der Rübezahlbaude Richtung Norden über Waltersdorf hinweg nach Großschönau und Varnsdorf in das schöne Oberlausitzer Land der „Spinner und Weber“ ist wunderbar. Noch eindrucksvoller ist natürlich der Blick vom Gipfel der Lausche aus, an deren Fuße wir hier stehen. Im Deutschen Damast- und Frottiermuseum in Großschönau erhält man einen einzigartigen Einblick in die Geschichte der Weberei der Oberlausitz und dabei insbesondere der Damastweberei. Der echte Damast wurde von 1666–1933 hier gewebt. Wertvolle Damaste wurden für Adelshäuser und Kirchen auf bis zu 1000 Zugwebstühlen in dieser Gegend gefertigt. Besonders wertvolle Beispiele dieser Handwerkskunst kann man hier bestaunen. Aber auch die Funktion der ausgestellten 27 Webstühle, z. B. mit einer Papplochkartensteuerung ist faszinierend und zeigt auch die Geschichte der Frottierhandweberei seit 1856. Von dem ehemals größten Zentrum der deutschen Frottierindustrie, ist heute nur ein Fertigungsbetrieb übriggeblieben. Der letzte Frottierhandwebstuhl Deutschlands steht hier im Museum, dem „Kupferhaus“ an dem Flüsschen Mandau, das im August 2010 das Tal bis weit hinein nach Zittau überschwemmte. Wenige Spuren an den umgebenden Umgebindehäusern zeugen noch von diesem Unwetter. Beim Bäcker erfährt man aber alles dazu und schnell werden die privaten Fotos von diesem Ereignis herausgeholt.

Direkt hinter der Rübezahlbaude betreten wir böhmisches Land. 0,3 km geht es nach Süden durch einen Hochwald bis zum Beginn des Lausche-Hochmoores, dass 1997–1999 renaturiert wurde – ein deutsch-tschechisches Umweltprojekt. Durch Gewässersperren im Quellgebiet des Zwittebaches werden die Moorwiesen wieder mit Wasser gespeist. Nach 1,2 km erreichen wir das kleine Kirchlein von Dolni Svetla (Nieder Lichtenwald). Die Umgebindehäuser gleichen denen auf deutscher Seite, wie ein Ei dem anderen. Nach 1,0 km geht es hinter einem Parkplatz links dem weiß-rot-weißem Wanderzeichen folgend, steil 0,3 km den Berg hinauf. Oben angekommen holen wir in einem Mischwald mit großem Buchen- und Fichtenbestand Luft und eine gespenstige Ruhe umschließt uns. Nach 0,7 km öffnet sich der Wald und gibt den Blick zum Hochwald, unserem Halbzeitpunkt frei. Aber auch schon zuvor im relativ offenen Hochwald können wir in die herrlich weite, hügelige böhmische Landschaft schauen. Ein malerischer Wiesenweg führt 0,5 km hinab in das Dörfchen Krompach (dt. Krombach). Links liegt der Plissenberg und rechts der Kulichberg. Beide Hügel, wie auch der Hochwald bestehen aus Phonolithgestein, einem metarmorphen Gestein, wie auch der Basalt, durch Umwandlung des Sandsteins bei Vulkanausbrüchen entstanden.
Nach 2,0 km entlang der Dorfstraße nach Osten verlassen wir den Ort und umwandern mit einem kleinen Linksschwenk eine Weide. Den weißen Genzsteinen folgen wir etwa 1,0 km bis zum Fuß des Hochwaldes. Die Hälfte geht’s dabei zackig bergan. Das ist aber nichts gegen den 0,3 km Anstieg hinauf zur Hochwaldbaude. Hier läuft man auf dem Phonolith und muss seine Glätte bei nassem Wetter fest im Auge haben. Geschafft! Hier liegt Böhmen uns zu Füßen. Bis zum Jeschken schweift der Blick über die böhmischen Orte in den Tallagen mit den prächtigen Barockkirchen von Jablonne` v. Podjestedi (Deutsch Gabel) südlich und im Osten
der Wallfahrtskirche „Maria Heimsuchung“ in Hejnice (Haindorf).

Auf dem Weg zum Hochwald. Foto: Dr. Michael Damme

Kirche des Heiligen Laurentius in Deutsch-Gabel. Foto: Dr. Michael Damme

Nach einer Rast bei Ulli dem Bergwirt (Donnerstag ist Ruhetag) geht’s hinab die alte Rodelbahn (weiß-grün-weiße Markierung) ca. 1,5 km bis nach Hain und über die Hainstraße hinweg weiter am Eschengrund vorbei 1,0 km bis zum Stern. Die 1908 in Betrieb genommene Naturrodelbahn war übrigens Austragungsort der Deutschen Rodelmeisterschaften 1924, 1929 und 1937 – mit internationaler Beteiligung. Letztmalig fanden hier 1959 Meisterschaften statt.

A Lied voa d`r Rod`baoahne von Bihms Koarle

Salt (rüher), do hoatt m`r su oas Kind`r
Juchheidi, juchheida!
Anne Zäsch`l, anne Schind`r,
juchheidi, heida!
Uff dar fuhr mr lustg und munt`r
Oack Brat`latsch`n (Holzpantoffeln) nund`r.
Doas is an dan letzt`n Juhr`n
Nu a biss`l and`rsch gwur`n.
Oalls tun se itz ein immod`ln,
Schlitt`n foar`n heeßt nu Rod`ln.
Und m`r baut o, wu m`r koan,
Grußoartig anne Rod`lboahn
Eene giht von Hochwoald rund`r
Bis an Oybsch`n Oyb`m nund`r.

Foto: Dr. Michael Damme

Lichtung. Foto: Dr. Michael Damme

Ein Schwatz mit den „Eingeborenen“ ist immer ein besonderes Aha-Erlebnis für Mundartler.
Am Stern geht es nun weiter auf die rot-weiß-roten Spur – „Leipaer Straße“ heißt der Wanderweg noch heute (siehe nächster Kasten) und führt uns 0,5 km durch den Wald bis auf eine Lichtung. Kurz vor der Grenze halten wir uns nach rechts am Waldrand und wandern eine herrliche Wiesenaue hinab. Nach 0,5 km biegen wir links ab weiter den Grenzsteinen folgend am Felsen hinauf und wieder hinab bis zum Grenzübergang, der zum Kurort Johnsdorf gehört. Zwei Drittel unseres Weges liegen nun hinter uns.
Wir gehen die Straße etwa 0,3 km nach Norden und biegen am Schöpfbrunnen in Hinterdorf links hinein, dort wo auch der Skilanglaufweg entlangführt. Nach 0,2 km geht es der weiß-rot-weißen Markierung folgend am „Winkel“ an schicken Umgebindehäusern mit schönen Sandsteinportalen (18. Jh.) hinauf in Richtung der so genannte Johnsdorfer Felsenstadt.

Umgebindehäusern mit schönen Sandsteinportal (18. Jahrhundert). Foto: Dr. Michael Damme

Johnsdorfer Felsenstadt. Foto: Dr. Michael Damme

Geschichtliches im Dreiländereck:
So unscheinbar uns der Wanderweg namens „Alte Leipaer Straße“ erscheinen mag, er war vor mehr als 750 Jahren ein ganz bedeutender Handelsweg in deutsch-böhmischen Landen, besonders für die reichen Faktoren (Verleger von Leinen und Damast).1241 überschritt hier ein Böhmisches Heer das Zittauer Gebirge und rückte gegen die Mongolen vor (Schlacht am Queis). Nach dem Tode von Ottokar dem II. von Böhmen ging das Zittauer Land 1305 Heinrich von Leipa, dem obersten Marschall von Böhmen über. Dieser erbaute von 1311–1316 eine achttürmige Burg auf dem Oybin um die Handelswege besser zu schützen. Deren wichtigster Weg führte von Kiew, Krakau und Breslau kommend am Oybin vorbei über das Zittauer Gebirge bis nach Prag. Dort saß im 14. Jh. Karl der IV. König von Böhmen und später Kaiser im römischen Reich deutscher Nation, der Begründer der Karlsuniversität in Prag und Erbauer der Karlsbrücke dort über die Moldau, der Verfasser der „Goldenen Bulle“ und auch der Stadtgründer von Monte Carlo. Karl der IV. hatte den Handelswegen auch in der Lausitz große Bedeutung beigemessen und lies nicht ohne Grund eine Zoll- und Geleitsburg in Neuhaus, den „Karlsfried“ errichten. Aber auch die Oybiner Feste wurde ausgebaut und mit einem Kaiserhaus versehen. Der König hatte 1348 die Oberlausitz und Schlesien in seiner Hand. Sein großes Ziel aber war die Mark Brandenburg, die er 1373 in Besitz nahm und dort in Tangermünde seine Kaiserresidenz erbaute. Der Kaiser hatte das große Ziel, dass sich alle Handelswege aus dem Westen und Osten in Prag kreuzen sollten. Mit seinem Tode 1378 sinkt die wirtschaftliche Bedeutung dieser Wege und auch die der Burg Oybin. Für den Besuch der weltberühmten gotischen Ruinen auf dem Oybin sollte man sich einen Tag Zeit nehmen und die Historie nach Karl IV. hier in der Oberlausitz studieren.

Foto: Dr. Michael Damme

Die Geschichte und Konstruktion der Umgebindehäuser, die uns bei unserem Marsch ständig begegnen, lässt man sich am besten von Einheimischen erklären. Am fachkundigsten ist jedoch die Erklärung im Webereimuseum in Großschönau, denn für die Weber waren diese Häuser gemacht. Nur eins sei angemerkt, dass das aufgestelzte Obergeschoß nicht wegen der Webstuhlschwingungen vom Erdgeschoß getrennt ist. Ein Wegweiser zeigt hinauf in die Felsenstadt und ein anderer nach links auf den Flügelweg, der unterhalb der Sandsteinfelsen entlang wieder Richtung Grenze führt. Wir sind etwas müde von den vielen Auf- und Abstiegen und gehen den Flügelweg entlang. Und da ist sie wieder- eine göttliche Ruhe. Natürlich sind die Sandsteinbrüche etwas ganz Besonderes in der Geschichte dieser Gegend. Denn der durch vulkanischen Einfluss entstandene besonders harte Sandstein war ein großer „Exportschlager“ noch bis Ende des 19. Jahrhunderts. Hauptabnehmer der daraus gefertigten Mühlsteine waren die Russen in St. Petersburg und Moskau. Aber es war auch eine schrecklich harte Arbeit für einen kargen Lohn. Ein langes Leben hatten die Schleger nicht. Das ist aber alles genau für die Interessierten auf dem Orgelweg entlang der Sandsteinbrüche erzählt (weiß-rot-weißer Weg). Nach 1,5 km am Fuße der Felsenstadt sind wir wieder an der Grenze und stoßen auf den Bornweg. Die Wald- und Felsenlandschaft erinnert jeden Kunstliebhaber an die Maler Casper-David-Friedrich, Adrian Zingg und Carl-Gustav-Carus, die zu ihrer Zeit im 18. Jahrhundert hier weilten und diese Landschaft so wie man sie jetzt noch erlebt in ihren Werken festhielten – einmalig, romantisch und schön. Auf dem Bornweg geht`s 0,5 km vorbei an Motiven, die so auch die Maler der Romantik gesehen haben müssen. Und weiter hinab auf dem Weg zum Falkenstein (dt.) und dem Rabenstein (CZ) und entlang dieser herrlichen Buchenallee wieder direkt an die Grenze.

Der Falkenstein. Foto: Dr. Michael Damme

Grenzgeschichtliches zwischen Böhmen und Sachsen:
Funde aus der Stein- und Bronzezeit belegen, dass die Menschen hier Wege fanden um diese Gebiete zu besiedeln. Die Slawen, v.a. die Sorben nutzten diese ersten Pfade weiter, aber kaum als Handelswege. Erst als im 12./13. Jh. Deutsche Stämme das Land besetzten und die Slawen zurückdrängten oder christianisierten, wurden die Steige und Pfade zu Handelswegen ausgebaut. Die bekannteste Handelsrute war die Ost-Westverbindung, die Via Regia (Hohe Straße) von Spanien kommend durch ganz Europa, über Frankreich, Frankfurt a.Main, Eisenach, Leipzig, Görlitz, Breslau bis nach Rußland. Nach Süden ins Böhmische führten damals nur Stege und Pfade. Man suchte das günstigste Relief für Mensch und Tier aus, was oft mehrere Wege in einer Trasse sein konnten. Flußniederungen wurden dabei gemieden und Talränder und Höhenrücken bevorzugt, um Hinterhalten zu entgehen. Man transportierte Salz, Felle, Häute und Wachs nach Süden und brachte Tuch- und Glaswaren zurück. „Der Böhmische Steig“, ein alter slawischer Weg, erinnert noch daran. Er führte von Bautzen über Obergurig, Kirschau, Schirgiswalde, Sohland ins Böhmische nach Schluckenau, Rumburg, St. Georgenthal, Böhmisch Leipa und weiter bis Prag. Auch die Neiße-Talrandstraße vom Ostseeraum über Görlitz und Zittau kommend, führte nach Prag. Mit der Besiedlung durch die Deutschen entwickelt sich der Fernhandel beträchtlich. Siedlungen wurden zu Städten und Pfade zu Straßen. Eine bekannte war die „Böhmische Salzstraße“ (erstmals 1483 erwähnt). Auf der wurde Salz aus Halle auch über Radeberg, Stolpen, Neustadt und Schluckenau ins Böhmische transportiert. Zum Schutz dieser angelegten Handelstrassen wurden von dem deutschen Kaiser und König von Böhmen, Karl IV., Schutzburgen errichtet, so wie die Leipaburg auf dem Oybin. 1355 ließ er die Zoll- und Geleitsburg „Karlsfried“ unterhalb des Lückendorfer Passes bauen. Als einige Burgen zu Raubrittersitzen mutierten, gründete sich 1346 der „Oberlausitzer Städtebund“, bestehend aus den königlichen Städten Bautzen, Görlitz, Löbau, Lauban, Zittau und Kamenz. So wurde durch diese 1359 die Burg Körse bei Kirschau, eine der größten Burgen im 13. Jh. (slawisch Kozym) zerstört. Karl IV. führte ab 1356 für Händler den Straßenzwang ein, um die Sicherheit zu erhöhen und um Straßenzoll einzunehmen. Ab dem 14. Jhd. waren die Wege ziemlich festgelegt und bis ins 18.Jh. wurden diese zu Chausseen mit festen Fahrbahnen ausgebaut, die wir heute noch nutzen.

Dieser Wurzelweg hinter dem Falkenstein führt hinauf in Richtung Lausche – was für ein Weg! Foto: Dr. Michael Damme


Und wieder diese – absolute Stille!
Nach 0,7 km vom Falkenstein entfernt geht es über einen Bretterweg hinter dem Hochmoor, an dem unsere Wanderung begann gerade entlang. Nach 0,6 km sind wir wieder an der Rübezahlbaude angelangt.
Wir sind geschafft aber auch tief beeindruckt von dieser herrlichen Welt an der Grenze von Böhmen und Sachsen.

Gegangen am 20.11.2010

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