Persönlicher Brief von Dr. Starke an Buchhändlerin Susanne Dagen

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Liebe Frau Dagen,
mit Verwunderung und einem gewissen Unverständnis habe ich im »Elbhangkurier« und in der »ZEIT« gelesen, wie Sie von einem Teil Ihrer Kundschaft boykottiert werden, und zwar offenbar aus zwei Gründen:

  • weil Sie für die Demonstrationsfreiheit eingetreten sind;
  • weil Sie eine politische Meinung haben, die von der eines Teiles Ihrer Kundschaft abweicht.

Abgesehen von meinem eingangs erwähnten Unverständnis über die Zusammenhänge schreibe ich Ihnen, um Sie meiner unverändert weiter bestehenden Loyalität als Ihr Kunde zu versichern. Der Grund dafür sind die kompetenten Gespräche, die Sie und Ihr Mann mit mir führen und die daraus hervorgehende Beratung, das hervorragend ausgesuchte und bemerkenswert umfangreiche Sortiment in Ihrer kleinen Buchhandlung, Ihre kulturpolitischen Aktivitäten und nicht zuletzt die so angenehme menschliche Atmosphäre in Ihrer Buchhandlung.

Angesichts dieser Qualitäten können Sie gerne eine politische Meinung haben, die von der meinigen abweicht. Als die AfD gegründet worden war, habe ich bei Gesprächen die Meinung vertreten, daß die AfD so etwas wie die Ehrenrettung der deutschen Intellektuellen sei. Nichts ist alternativlos, auch wenn Angela Merkel das behauptet und stolz darauf ist, keinen »Plan B« zu haben.

Der große Liberale Sir Ralf Dahrendorf (1929 – 2009) hätte sich sowohl über die AfD als auch über die PEGIDA-Demonstrationen gefreut. Seine Horror-Vision war die deutsche Gesellschaft als chip-fressende Fernsehzuschauer, und er begrüßte jeden Gesangs- und sonstigen Verein, der eine – wenn auch bescheidene – gesellschaftliche Aktivität beinhaltet. Ich bin kein PEGIDA-Anhänger, habe nie an diesen Demonstrationen teilgenommen und halte den Lutz Bachmann für einen zwielichtigen Menschen. Anfangs stand PEGIDA für eine Gesellschaftskritik, die heute salonfähig geworden ist, damals aber völlig gegen die Political correctness verstieß. Dennoch habe ich damals die Teilnahme gegenüber einem Freund abgelehnt mit der Begründung, es sei nicht klar, wogegen (oder wofür) man eigentlich bei PEGIDA demonstriere.

Heute haben sich aus dieser ursprünglichen Gemengelage anarchistische und rechtsradikale Tendenzen herauskristallisiert und die Dominanz übernommen. Damit geht PEGIDA in das Meer von Splittergruppen in Deutschland ein, die von linksradikal bis rechtsradikal reichen und teilweise Straftaten als Mittel zum Zweck befürworten und begehen.

Menschen wie ich, die…

  • den Rechtsstaat bundesdeutscher Prägung für eine zivilisatorische Errungenschaft halten, in dessen Verfassung historische Erfahrungen eingeflossen sind,
  • die die Gewaltenteilung nach Montesquieu befürworten,
  • eine unabhängige Richterschaft haben wollen,
  • die das Gewaltmonopol des Staates für unabdingbar halten und
  • die Freiheit des Individuums im Kant’schen Sinne für sich beanspruchen,
  • um auf dieser Grundlage auch sozial handeln zu können,

…sollten sich von solchen Splittergruppen und damit auch von PEGIDA eindeutig distanzieren. Das gilt auch, wenn einzelne Elemente der Ideologie dieser Splittergruppen vielleicht mit persönlichen Ansichten übereinstimmen.

Ich könnte mir vorstellen, liebe Frau Dagen, daß Sie meiner differenzierten Darstellung durchaus zustimmen und sich bei Ihren Interviews vielleicht mehr von Voltaire leiten ließen, dem das Zitat nachgesagt wird: »Ich werde den Ansichten von Monsieur X. nie und nimmer zustimmen. Ich werde aber bis an mein Lebensende sein Recht verteidigen, diese Ansichten zu äußern.« Wenn dem so wäre, könnte ich mir vorstellen, beim »Elbhangkurier« einen Artikel einzureichen, in dem ich Einiges geraderücke, für Sie Partei ergreife und die Menschen, die Sie boykottiert haben, in einem angemessenen Maße ermahne.

Für heute verbleibe ich mit herzlichen Grüßen.
Ihr Christian Starke

Dresden, am 16. Mai 2017
Dr. Christian Starke, Dresden


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